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Es gibt Meeraugen und Bücher wie Meeraugen. Das wissen wir, weil wir schon welche gesehen haben (siehe unser Nekolny_Fingerspitzen_CoverVerlagsporträt). Die Bücher schillern zwar nicht türkisblau wie ein Toteisloch, dafür „leuchten Geschichten“ in ihnen. Mit Carina Nekolnys Fingerspitzen erscheint nun der zehnte Band in der bibliophilen Reihe der Edition Meerauge aus Klagenfurt.
In ihrem Roman fordert die Autorin die Wachsamkeit aller unserer Sinne und arbeitet dabei selbst mit großem sprachlichem Fingerspitzengefühl. Im Zentrum steht der taubblinde 18-jährige Thomas, seine beschränkte Lebenswelt auf dem Pensionshof der Eltern, seine Familie und sich selbst erschließt er tastend, über Berührungen, über Gerüche. Zur Wort kommt er freilich nicht, Unwillen und Ängste zeigen sich in regelmäßigen Wutanfällen, Glücksgefühle in Lauten und Gebärden. Im Laufe des Zeit hat Thomas kleine Talente, Vorlieben und Abneigungen entwickelt. Dennoch bedeutet sein Leben vollkommene Abhängigkeit. Stets ist er auf die Unterstützung seiner Familie angewiesen, die ihm ebenso mit überbordender Liebe und Fürsorge wie mit Schuldgefühlen begegnet. Wenn sich niemand um ihn kümmern kann, wird Thomas kurzerhand in seinem Zimmer eingeschlossen. Bisher wurde alles daran gesetzt, den Halbwüchsigen im Haus zu verstecken und zu versorgen und nicht in eine neue Einrichtung zu schicken, wo er unter seinesgleichen wäre und entsprechend gefördert würde. Auf einem Dorf aber gibt es schnell Gerede, so grenzt sich die Familie aus Selbstschutz aus, nur Toni muss sich der Bosheiten der Schulkameraden erwehren.

Erzählt wird der Roman hauptsächlich aus der Sicht der sich aufopfernden Mutter, des verschlossenen, einsamen zehnjährigen Bruders Toni und des bald abwesenden, bald anwesenden Vaters. Das ist formal schön gemacht: Die Perspektivwechsel sind rasch, direkte Reden gehen ohne Markerierung im Textfluss auf. Die Sprechweisen zeigen das Hadern, die Überforderung mit der speziellen Familiensituation, sie bleiben stets schlicht, unverstellt, loten aber doch einen für die meisten Menschen fremden Kosmos auf nachdrückliche Weise aus. Tonis Monologe berühren besonders. Hellsichtiger als die anderen scheint er sich etwa Gedanken über Thomas‘ Fähigkeiten zu machen: „Man müsste ihm die Wörter richtig auf die Haut schreiben.“ Auf der anderen Seite erlebt er das „Fehlen“ eines großen Bruders, seine eigene Vernachlässigung durch die Eltern und die häuslichen Hilfsdienste in doppelter Schwere, da er unter dem rätselhaften Verschwinden seiner kleinen Freundin Lisi leidet. „Mit der Lisi wäre alles leichter.“

„Ein mitreißender und berührender Roman, der in ein Jahr der Umbrüche eintaucht, Beziehungen und Grenzen auslotet, die unbehagliche Frage nach der Kehrseite von Nähe und Fürsorge aufwirft, aber auch einen Weg aus Isolation und Sprachlosigkeit heraus aufzeigt.“ (Edition Meerauge 2016)

  • Carina Nekolny: Fingerspitzen. Klagenfurt: Edition Meerauge 2016. 253 Seiten. Fester Einband, geripptes Surbalin, Blind- und Folienprägung, Fadenheftung, Lesebändchen. 24,90 Euro (A)

 

Senta Wagner (sentafoto)

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