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Ianina Ilitcheva, 183 TageWir hätten hier ein großes, blaues, schönes Buch zum Angucken. Es gehört zur Literaturreihe, die der Wiener Verlag Kremayr & Scheriau in diesem Herbst mutig ins Bücherrennen schickt (siehe Blogbeitrag). Die 183 Tage der Ianina Ilitcheva sind das Statement aus dem Innenleben einer Künstlerin und ihres stillgelegten sozialen Umgangs („Social-Media-Nulldiät“, aber „Briefe sind sehr erwünscht“). Angelegt als sechsmonatiges „Experiment der Selbstentziehung“ arbeitet das Werk an den Schnittstellen der Bild- und Textpoesie und der Dokumentation.

Es ist ein kunstvolles Sammelsurium an deutsch und englisch beschriebenen, bekritzelten und vollgeklecksten Notizzetteln sowie ganzseitigen Zeichnungen (als Faksimileabdrucke) in den Farben blau und schwarz – kräftiger Tuschestrich neben feinem Duktus –, Strophenformen, Miniaturen, Tages- und Monatsnachrichten, floralen Fundstücken. Achtung Spezialeffekt: der sich ergibt durch die vereinzelten querformatigen Fotoinserts auf Transparentpapier. Wie hübsch die Buchseiten durchschimmern. Es sind Selbstporträts der Künstlerin, die sie statuenhaft im jahreszeitlichen Reigen zeigen an immer der gleichen Stelle im Garten ihrer Wohnhausanlage. Zeit vergeht, auch in der Isolation.

20150915_092858So feinsinnig in ihrer Wahrnehmung und offen in der Aneignung von verschiedenen Techniken Ilitcheva ist, so wandelbar ist auch ihre eigene Handschrift. Sie liest sich wie ein Psychogramm der Autorin. Kaum eine, die man zweimal entdeckt.
183 Tage entstand von August 2012 bis Februar 2013, ein Art Diary will es aber gar nicht sein, denn bewusst wird auf präzise Datumsangaben verzichtet. Dagegen spiegelt es mit jedem Eintrag seine eigene Genese wider und setzt das Gefühl des Lesers für diesen langen erschöpfenden Zeitraum völlig außer Kraft, schließlich lesen wir nicht 183 Tage lang.
Wir nehmen teil an intimen Momenten, Erkenntnissen, an nichts Besonderem, traurigen und besorgniserregenden Geschehnissen wie an der allgegenwärtigen Stille, die die Autorin umgibt. An manchen Tagen gibt es keine Eintragungen, an anderen dafür mehrere, im Ton sprudelnd, unglücklich, existenziell, reflexhaft, berührend, angstvoll, witzig, rätselhaft, banal und nachdenklich. Alles eine Frage der Tages- und Nachtverfasstheit. Jeden Monat gibt es darüber hinaus einen Bericht über den Verlauf des Experiments an die Außenwelt. Ilitchevas Auskünfte klingen dann so: „… dann lebt man einfach, in den Tag und in den nächsten hinein: Termine, Bürokratie, Familie, Haushalt, Fernsehen, Schlafen.“
An Tag 32 fragt sie sich dagegen: „WAS PRÜFE ICH?“ Wahrscheinlich jeden Tag sich selbst, die eigene künstlerische Inspiration, das Kunstschaffen, den Willen, die Reste bestehender Neugierde. Sie hält ein halbes Jahr durch, mit Regelbrüchen, Widerständen, Alkohol. An Tag 92 im November ist die Sache klar: „Es passiert etwas Wichtiges, hier.“ An Tag 119 das Gegenteil: „Das ist die Krise der Kunst, vor der ich mich gefürchtet habe. Es ist nichts in mir. Nichts. Gar nichts. (…) Ich sieche dahin. Es ist nicht schön. Die Wahrheit ist, ich fühle mich abgeschnitten, sowohl von meinem Leben nach außen als auch von meinem Innenleben. Ohne Aktion oder Redaktion. Ich bin einfach nur noch da.“ Es wundert nicht, ab Tag 160 wächst der Wunsch nach dem Ende: „Ich bin froh, dass es bald vorbei ist.“ Wir sind froh über das Buch.

 

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Die Nacht gehört mir.
Sie ist mir viel zu groß.

69/183

ALLES IST SO LAUT.
DAS LEBEN IST
SO LAUT; ES SCHREIT
‚LIEBE MICH‘,
‚BENUTZ MICH‘.

 

  • Ianina Ilitcheva: 183 Tage. Wien: Verlag Kremayr & Scheriau 2015. 252 Seiten.

 

 

Fotos (sw) und Textbeiträge stammen aus dem Band.

Senta Wagner

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