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Behnke, Ich, MedeaEs gibt im Literaturbetrieb selten Grund, aufzuwachen. Beim Bachmannwettbewerb habe ich durchgeschlafen (steriler lässt sich Literatur nicht inszenieren) und bei der Preisvergabe nur geblinzelt. Aber Goetz für Büchner – super! Der Hotlistblog gratuliert, und gratuliert natürlich auch der Gewinnerin des Bachmannpreises Nora Gomringer und ihrem Verlag Voland & Quist sowie Valerie Fritsch (Kelag-Preis, Publikumspreis) und Dana Grigorcea (3sat-Preis).
Valerie Fritsch wird bei Suhrkamp verlegt, Dana Grigorcea debütierte im Zürcher KaMeRu Verlag.
Siehe auch „Bachmannpreis 2015 für Nora Gomringer” und „Autoreninterview Nora Gomringer”.
So viel zu den Aktualitäten, preistechnisch.

Nun aber zu einem Berliner Verlag, der Anfang dieses Jahres seine ersten Bücher herausgebracht hat: Quiqueg.

Verleger Hermann Jan Ooster stellt den Quiqueg Verlag selbst vor und erklärt dessen widerspenstigen Namen:

„Quiqueg, einer der Harpuniere auf Käpt´n Ahabs Walfangschiff Peqoud in dem Roman Moby Dick von Herman Melville, läßt für sich, nachdem er das nahende Schicksal aus den von ihm gewürfelten Knochen sieht, vom Schiffszimmermann einen kalfaterten Sarg schreinern, denn er weiß nun um den drohenden Untergang.
Und nur dieser kalfaterte Sarg rettet den einzig Überlebenden: Ismael, der Zeugnis ablegt über die Geschehnisse der letzten Fahrt der Pequod.
Jedes Buch aus dem Quiqueg Verlag möchte ein kalfaterter Sarg sein, der wie eine Rettungsinsel unabhängige Gedanken, Ideen und Haltungen abseits des Mainstreams literarisch vor dem Untergang bewahrt, die dann als sinnstiftende Bojen gegen den Strom treiben: Quiqueg steht für Stolz, Eigensinn und Selbstbestimmung. In diesem Sinne sehen wir uns in der Tradition des 1968 gegründeten Karin Kramer Verlages, der bis zum kurz aufeinanderfolgenden Tod des Verlegerpaares Bernd und Karin Kramer 2014 viele undogmatische Impulse in die deutschsprachige Literaturlandschaft funkte.”

Ich, Medea

Von den zwei bisher erschienenen Titeln des Quiqueg Verlags sei erst einmal einer herausgegriffen, und zwar die Erzählung Ich, Medea von Frank Behnke. Zu dem zweiten Buch dann noch mal ein extra Beitrag.

Behnke hat sich einen schweren Stoff gewählt. Aber wer war jetzt noch mal Medea? Die Wikipedia hält hierzu einen als „exzellent” eingestuften Artikel bereit – eine lange Geschichte.

In Ich, Medea wird sie aktualisiert, wenngleich die beschriebene Epoche und Situierung selbst auch schon wieder historisch sind: das linksalternative Westberliner Milieu der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Der Epilog, mit dem das Buch beginnt, führt aber ans Meer:

Schließlich Herbst. Das hohe strohgelbe Gras bewegt sich. Man kann sehr weit sehen. Aber soweit man sieht: nur Himmel und Wolken. Aus der Ferne klingt das flächige Dröhnen von Meereswellen. Sie sitzt auf der Veranda, Wind weht ihr ums Gesicht. Sie wartet. Schon seit Monaten. Irgendwann muss man sie doch finden. Es gibt nichts Offensichtlicheres als ein dänisches Ferienhaus. Aber es ist nichts geschehen. Dann eben nicht. Dann sitzt sie eben solange und trinkt Tee bis sie sie holen kommen, das hat dann sogar noch was Filmisches.
Sie ist leer. Dabei ist sie zu Frieden gekommen, endlich, so scheint es ihr. Sie wird nie wieder wütend sein können. Sie sollen sie holen kommen. Sie würde nie freiwillig zu ihnen gehen, zur Exekutive. Die haben nichts damit zu tun.
Sie ist nicht unruhig oder ähnliches. Es geht ihr gut. Ruhe. Endlich.
Wie lange das Geld noch reicht? Hauptsache für die Zigaretten. Es gibt keine Nachbarn, keinen, der jetzt Urlaub macht, in der Kälte.

Wenn ich das lese, habe ich Bibiana Beglau in Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss vor Augen. Dieselbe gespannte Ruhe.

Der Verlag bescheinigt dem Buch eine „scheinbar träumende, bildhafte Sprache”.
Davon kann man sich anhand nachfolgend verlinkter – längerer – Leseprobe selbst überzeugen – traut man einem visuell denkenden Künstler aber sowieso und unbesehen zu. / mr

Frank Behnke ist zunächst als Musiker bekannt geworden. Er war Gitarrist in der 1986 gegründeten Rockband Mutter. Aber das ist doch sehr verkürzt dargestellt, daher hier die ausführliche Vita, wie sie auf der Website des 2. Berliner Musik-Film-Marathons (2012) nachzulesen ist:

Musiker, Filmemacher, freier Autor für Film und TV Kameramann, München. Tätigkeit als Tonmeister, Schauspieler, Cutter, Sound Designer für Kino- und TV- Filme. Dozent für Ton, Schnitt, Sound Design an Filmschulen in Zürich, Münster, Berlin, Bozen, München.
Geb. 1955 in Berlin, 1965-70 Besuch der Musikschule, Europatournee und Schallplatte. 1972 Saxophon in Freejazzband, 1972-81 Ausbildung als Krankenpfleger und Arbeit in der Dialyse. 1982-83 Musiker bei Terminated Alien, schreibt Kulturkritiken für den Lippische[n] Landbote, Bad Salzuflen.
1983-89 Filmregie-Studium an der Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), diverse eigene Filme.
1985/86 Ton- und Sound Design-Assistent Alan Splet’s bei BLUE VELVET von David Lynch in den USA.
Von 1986 bis 2002 Gitarrist der Berliner Band Mutter. Diverse Veröffentlichungen.
Seit 1987 Manager des Art Brut Künstlers Klaus Beyer. Veröffentlicht als Autor 1995 Das große Klaus Beyer Beatles Buch, 2003 Das System Klaus Beyer beim Martin Schmitz Verlag.
Lebt in Berlin und San Francisco.

Frank Behnke, Ich, Medea. Roman. 116 Seiten, Paperback. 20 x 13 cm. Quiqueg Verlag, Berlin 2015. 14,50 Euro

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Ein Kommentar zu “Frank Behnke, Ich, Medea

  1. Pingback: Hermann Jan Ooster El Dorado, One Way | Der Hotlistblog

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