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dorado „1968-74 katholisch interniert” heißt es in der biographischen Notiz des 1958 im niederrheinischen Huisberden bei Kleve geborenen Hermann Jan Ooster, für den eine treffende Berufsbezeichnung zu finden – abseits seiner langjährig ausgeübten Arbeit als Steinmetz und Steinbildhauer – gar nicht so einfach ist. Leichter ist es aufzuzählen, was er alles gemacht hat und macht, z. B.: Radiosendungen, Ausstellungen, Lesungen, Kurzfilme. – Er hat (mit Eckhart Triebel) Erotische Kommmandoerklärungen verfasst (oder wäre abgeben das passende Verb?) und ist mit Gedichtbänden hervorgetreten, zuletzt: Am Pol der Unzugänglichkeit (2005) und Die Welt ist ein Museum absichtsloser Katastrophen (2012), beide im Karin Kramer Verlag und nun, nach dessen Ende, im Eigenvertrieb bei Quiqueg. Sein Wirken als Verleger – eben des Quiqueg Verlags – ist auf dem Hotlistblog bereits vorgestellt worden, siehe hier und hier.

Oosters katholische ‚Internierung‘, wohl ein Internatsaufenthalt (vielleicht an dem gleichen Gymnasium, das auch die etwas jüngeren Paul Ingendaay und Christoph Peters besuchten), ist in seinem Gedicht „Broterwerbslos” – das im sogenannten „Schwarzbuch der Lyrik 2016” (Fünfzigtausend Anschläge) enthalten ist – als Reflex durchaus noch gegenwärtig.

Broterwerbslos

sie wollen wir mir keinen lohn mehr geben
dafür wenn ich mit meinem werkzeug im stein bete.

was nur soll ich tun wenn fäustel & eisen
meine hände nicht mehr sättigen mit schwielen?

was nur soll ich tun wenn mein sinn & mein verstand
keinen granit mehr bekommen als brot?

sinn & verstand verstummen
die hände verhungern.

Eine kräftige, im Bild zu bleiben: unbehauen wirkende Metaphorik, Material (auch Materialwiderstand) und seelische Marter gehen hier eine enge Verbindung ein. Die Aufeinanderfolge dreier Personalpronomina im ersten Vers (statt der zu erwartenden zwei) könnte beinahe ein Lektoratsversehen sein: „wir mir”? Aber sie ist doch auch lesbar als ein verzweifeltes Stammeln, dem bald die bittere Bilanz folgt: „sinn & verstand verstummen”. Ein starkes, eindringliches Gedicht.

Von dieser Konzisheit sind die beiden langen Gedichte von El Dorado, One Way weit entfernt. Wie sollte es auch anders sein, nennt Ooster sie doch „Tiraden”.
Die Alltagssprache kennt die Tirade im Sinne von „Wortschwall”, „Worterguss”. – „Gibt es die Tirade als literarische Form?”, fragt der Umschlagtext.
Gibt es.
Es gibt zudem einen Tiradenreim, auch Einreim genannt, bei dem, wie der Name sagt, ein Reimklang eine Strophe oder einen Gedichtabschnitt bindet. Bei Ooster kommt er nicht vor, er dichtet reimlos. – „der stil hemmt die kraft für den wurf”, sei hier sein Dichterkollege Kai Pohl zitiert. Gereimte Verse hätten zu glatt oder eben zu stilisiert gewirkt, unpassend für die „Abrechnung”, als die Mensch aus Erde ausdrücklich bezeichnet wird.
Das Ich in Oosters Tiraden mag angegriffen sein, aber es greift auch an.

Warum aber überhaupt Tiraden?

Ein Blick in die Anmerkungen gibt Aufklärung:

Unter Eindruck des ersten Jahrestages des Reaktorunglücks von Tschernobyl schrieb ich den Text Mensch aus Erde im Mai 1987 innerhalb einer Woche auf meinem Balkon im vierten Stock eines Hauses in der Warthestraße, Berlin-Neukölln, der Einflugschneise der US Air Force zu ihrem damaligen angrenzenden Militärflughafen Berlin-Tempelhof.

Der Text Unterm Sauerstoffzelt entstand spontan als Sprechgesang an einem Juniabend 1987 nach einem harten Krankenpflegerarbeitstag mit meiner damaligen Krachcombo Die Berge werden zuletzt gesprengt in unserem Proberaum in der General Pape-Straße (preußisches Kasernengelände, war 1934 ‚wildes KZ’ der SA) in Berlin-Tempelhof.”

Beide Male geht es also um Kaputtheit. Das technische Desaster von Tschernobyl mit dem daraus folgenden Leid für Mensch und Natur ist Anlass für Mensch aus Erde, die aus dreizehn „Abgesängen” bestehende Jeremiade, die die erste Hälfte des Buches ausmacht. – Eine Leseprobe gibt es hier (pdf).
Ooster spielt neu und auf seine Weise die „harfe des entsetzens”. Er beklagt die (Selbst-) Zerstörungskraft der menschlichen Spezies und wütet in immer neuen Anläufen gegen „dieses stück mensch”, das uns noch alle miteinander zur Hölle schicken wird. Das ‚goldene‘ Versprechen, von dem der Titel des Buchs kündet, wird grimmig zertrümmert. „hier im dunkel / am ende des tunnels[.]”, lautet der düstere Schlussvers und fasst noch einmal bündig die apokalyptische Bedrohung der Reagan-Ära zusammen.

Diese Literatur ist aus der Empörung erwachsen, aber wer sie liest, wird nicht seinerseits von Empörung ergriffen, jedenfalls nicht mehr aus dem Abstand der bald dreißig Jahre, die zwischen 1987 und heute liegen. Der Ausnahmezustand, das beklemmende Gefühl des Geliefertseins, die das Schreiben des Gedichts auslösten, hätten einer radikal alle überkommenen Formen ablehnenden Form bedurft, aber nicht einer Tirade, die im Verhältnis zum inkriminierten Skandal doch zu brav ist.
Ein Zeitdokument ist Mensch aus Erde aber ohne Zweifel. Das Bild der Liquidatoren, die in Plastikfolie verpackte kontaminierte Erde in die Erde eingraben, bleibt dem Leser als eindrucksvolles Symbol rettungsloser Absurdität noch lange in den Knochen.

mach die augen auf die schlaftrunkenen augen

Als nach wie vor aktueller Kommentar zum Pflegenotstand – aber auch ganz einfach: als tolles Gedicht – sei Unterm Sauerstoffzelt zur Lektüre empfohlen.
Wie erwähnt, entstand es nach Feierabend unter dem Eindruck eines langen, harten Krankenhausarbeitstages als improvisierter Sprechgesang.
Das Ich, das hier mit letzter Kraft spricht, kann „Tod” in sechs Sprachen hersagen.
„[D]ie schmerzen sind schmerzfrei”, konstatiert es mit bitterkomischem Sarkasmus und:
„heilen tut weh / heilen tut so weh”.
Die Einzelheiten, Handgriffe, Gerätschaften der Arbeit, der Krankenhausalltag gehen authentisch in das Gedicht ein, aber sie erscheinen wie im Traum.
Anders als in Mensch aus Erde, gestattet sich Ooster in Unterm Sauerstoffzelt kleine Reime, die die Verse strukturieren (ähnlich den Wiederholungen, die durchweg intensivierend wirken).
Man würde das Gedicht gerne einmal vorgetragen hören, vielleicht sogar in der Originalinstrumentierung mit „Schlagwerk Bohrmaschinen Flex Mannesmannröhren” und Bassgitarre. – Meinolf Reul

  • Hermann Jan Ooster, El Dorado, One Way. [2] Tiraden. 50 Seiten, geheftete Broschur. 20 x 13 cm. Quiqueg Verlag, Berlin 2015. 9,00 Euro
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