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Man muss schon zweimal hinschauen. 192 winzige Zahlen an winzigen Punkten verstreut auf dem gelbem Cover wollen der Reihe nach verbunden werden, das ist die Regel beim Punkt-für-Punkt-Malen, egal ob für Klein oder Groß. Unverbunden ist das Bild nicht zu erkennen. Wie beim Schreiben, das auch von Punkt zu Punkt verläuft, entsteht erst in der Verbindung eine Gestalt mit Anfang und Ende, dazwischen ist Fantasie und Assoziation. Das Spielerische der Maleinladung lässt sich nur zu gut auf den Inhalt des Buches übertragen. Mit zwischen veröffentlicht die junge Dichterin Judith Nika Pfeifer ihren ersten schmalen Prosaband. Davor debütierte sie mit viel gelobter Lyrik (nichts ist wichtiger. ding kleines du, 2012). Zwischen ist 2014 beim Czernin Verlag in Wien erschienen, dem 1999 gegründeten Buchhaus mit dem Federschwert, das sich in der Programmsparte Belletristik trendy und urban gibt und auf das Entdecken junger literarischer Talente spezialisiert hat.

Irgendwie ist alles zwischen, räumlich und zeitlich, unser ganzes Leben, es verläuft zwischen Stadien, zwischen oben und unten, mir und dir usw. Pfeifers zwölf Texte bewegen sich zwischen komisch und tragisch, handhaben die Sprache auf tänzelnde und forsche Weise, unerwartete Vorstellungsräume öffnend. Kaum einer, der länger als zehn Seiten lang ist, darunter eine Miniatur von wenigen Zeilen. Erzählerisch greifen die Geschichten weit in die Welt aus und gehen leichthändig mit ihren angezeigten Inspirationsquellen um wie Ilse Aichinger, Pierre Bourdieu, historischen und biografischen Daten – und haben doch etwas ganz Eigenes.
Pfeifer führt zum Atmen ins Yogastudio, von der Jagd auf Tiere zum Attentat eines Rehs, ins Zwischenmenschliche, in die Hochseilartistik (bezeichnenderweise heißt der Text „Zwischenfall“). Sprachartistisch und fast ohne Punkt und Komma geht es zu in „LOOP“ und „Fahrscheinkauf“. Die Zumutung eines WM-Fußballspiels (D gegen Portugal) im Fernsehen findet sich in der lakonischen Mitschrift, besser Transkription, des schlingernden Dauergeredes mehrerer Zuschauer und zeigt damit seine eigene Zumutung.

zwischen„Unprätentiös und mit faszinierender Leichtigkeit erzählt Judith Nika Pfeifer von unerhörten Begebenheiten. So entstehen Momentaufnahmen, die von der Absurdität des Alltags, unvorhersehbaren Wendungen, überstürzt getroffenen Entscheidungen oder alles verändernden Ereignissen zeugen.
„Was wäre gewesen wenn?“, fragt die Autorin und verarbeitet ein historisches Ereignis mit Todesfolge; eine ihrer Figuren lässt sich auf ein ungewöhnliches Experiment ein, das ihr aus einer finanziellen Misere helfen soll; Zwischentöne werden eingefangen auf einer Reise nach Edinburgh.
Voller Sprachwitz und mit einem überbordenden Einfallsreichtum zeichnet Judith Nika Pfeifer in ihren Geschichten das einfühlsame Porträt einer jungen Generation, die ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden hat: manchmal ironisch, häufig nachdenklich, ausgelassen und nie sentimental.“ (Czernin Verlag 2014)

Textprobe

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… jump! Und also anstatt kopfüber in die Tiefe, fällt sie, fallt ihr nun fußüber, kopfunter in die Höhe. Die Schaulustigen sehen, dass der Vater schützend seine Hände über ihren Körper hält. Sie umarmen sich, so mitten in der Luft, und er flüstert: Hier also ist das Weltall, da gibt es kein oben, kein unten, kein traurig oder glücklich. Im Weltall gibt es alles: oben, unten, traurig und glücklich. (aus: zwischen, „Zwischenfall“)

  • Judith Nika Pfeifer: zwischen. Prosa. Wien: Czernin Verlag 2014. 112 Seiten. 17,90 Euro, auch als E-Book erhältlich.
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Ein Kommentar zu “Post aus Wien – zwischen ist wo?

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