Der Verbrecher Verlag und der Elefant im Raum

Von allen Verbrechern sind uns die vom Verbrecher Verlag (erkennbar am gefährlichen Strichmännchen-Logo) am liebsten. Angefangen hat bei denen alles ganz schräg und unbedarft, gesteuert vor allem von der Gier nach Lesen und Lesestoff. So gründeten die damaligen Literaturstudenten Jörg Sundermeier und Werner Labisch 1995 den Verbrecher Verlag in Berlin, dessen Name, „eine Laune“, bloß nicht auf ernsthafte verlegerische Aktivitäten schließen lassen sollte. Mit einem fertigen Romanmanuskript von Dietmar Dath in den Händen blieb den beiden dann nichts anderes übrig, als Bücher zu machen.
Und so sind es inzwischen ca. zweihundert, Talente wurden entdeckt und groß, beachtliche Werkschauen (z. B. Gisela Elsner, Giwi Margwelaschwili) herausgegeben und Literaturbetrieb und Buchmarkt stets mit kritischem Auge begleitet.
Heute ist das „Programm breit gefächert, der Schwerpunkt liegt auf der Belletristik“, darüber hinaus gibt es Sach- und Kunstbücher sowie Reihen zum Stadtbuch und zur Filmliteratur. Seit 2016 verantworten Sundermeier und Kristine Listau den Verlag. Ohne viele ihrer wunderbaren Autorinnen und Autoren wäre die Welt viel ärmer, denken wir an Peter O. Chotjewitz, Elfriede Czurda, Georg Kreisler, Ronald M. Schernikau, Kolja Mensing, Anke Stelling, David Wagner oder Lisa Kränzler. Ein besonderes „Großprojekt“ für den langen Atem ist die seit 2011 laufende historisch-kritische Ausgabe in fünfzehn Bänden der Tagebücher (1910–1924) des Dichters und Publizisten Erich Mühsam, derzeit sind wir bei Band 12. Parallel gibt es dazu eine Online-Edition.

Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert

Zu einer der Entdeckungen zählt nun seit diesem Frühjahr auch Bettina Wilpert, die mit ihrem unerschrockenen, aufwühlenden und bohrenden Roman Nichts, was uns passiert ihr Debüt vorgelegt und gleich mächtig eingeschlagen hat.

„Nein heißt Nein“. Der Grundsatz gilt seit dem neuen Sexualstrafrecht, schon zu allen Zeiten hätte er gelten müssen. Bettina Wilperts Geschichte platzt mitten hinein in die von #MeToo aufgeheizte Debatte, ist aber selbst im Jahr 2004 bis 2005 angesiedelt, und damit höchst eigenständig. Literatur urteilt nicht, sie reißt auf. Anna, gebürtige Ukrainerin, Studentin aus Leipzig, wird von Jonas, einem Doktoranden und „Möchtegern-Intellektuellen“, vergewaltigt. Sagt sie, er spricht von einvernehmlichem Sex. Lange findet Anna keine Sprache für das Geschehene, sie lebt unter einer „Glasglocke“. „Der Elefant stand nur im Raum: Vergewaltigung. Vergewaltigung passiert anderen Leuten.“ Ein Opfer-Täter-Denken war ihr fremd. „Opfer. Noch so ein Wort. Auch dieses Wort existierte lang nicht in Annas Kopf. Opfer sind immer die anderen, Opfer ist man nicht selbst, nicht Anna.“
Auf Drängen der besorgten Schwester, der sich Anna anvertraute, erstattet sie zwei Monate später Anzeige gegen Jonas – ein gewaltiger Spießrutenlauf beginnt, für beide. Lügt Anna? Ist Jonas ein Vergewaltiger? Der Fall bekommt schlagartig Öffentlichkeit und wird erzählerisch auf die zynisch sachliche Form eines Protokolls heruntergebrochen. Dabei kommen nicht nur Anna und Jonas zu Wort, sondern auch Bekannte, Familie, WG-Leute. Was eine lückenlose Rekonstruktion sein soll, zeigt sich als das genaue Gegenteil – bis ins Textbild hinein, das aus kurzen Aussagen und viel Weißraum besteht. Erinnerung ist eben lückenhaft, wiederholt sich, ist fantastisch, zumal bei Anna und Jonas viel Alkohol im Spiel war, die anderen Befragten neigen zu Parteinahme und Vorverurteilung, aber auch Solidarität. Ja, ganz Leipzig scheint sich zu positionieren. Am Schluss spricht das Gesetz, über menschliches Leid hinweg: Damals waren Sexualdelikte nur dann strafbar, wenn auch nachweislich physisch Gewalt angewendet wurde.

  • Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert. Berlin: Verbrecher Verlag 2018. 168 Seiten. 19 Euro

Senta Wagner
(Logo © Verbrecher Verlag; die Rezension erschien in kürzerer Fassung in der Buchkultur 177)

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