rot, röter – zehn Jahre hochroth

Von B bis W: Berlin, Bielefeld, Leipzig, München, Paris, Wien, Wiesenburg – Verlegen als europäisches Projekt. hochroth steht für sich, ist überall und macht alles anders oder manches einfach nicht. Vor allem aber steht der Name für Lyrik der Gegenwart. 2008 wurde hochroth Berlin von Marco Beckendorf gegründet, in diesem Jahr wird das zehnjährige Bestehen dieses außergewöhnlichen und einzigartigen städte- und länderübergreifenden Gebildes gefeiert. hochroth selbst nennt sich Verlagskollektiv und umfasst „derzeit sieben eigenständige Standorte“, die nach und nach dazukamen. Die „Verlagsfarbe“ entstammt dem gleichnamigen Sehnsuchtsgedicht von Karoline von Günderrode. Mehr rot geht nicht.

Maximale Unabhängigkeit und Freiheit im Gestalten werden seit den Anfängen großgeschrieben. Beckendorf habe sich, so die Idee, mit „Büchern frei bewegen“ wollen, insbesondere frei von Förderungen und anderen institutionellen Hürden, und Bücher selber machen wollen, so richtig selber. hochroths grazile Bücher, die mit dem gestanzten Loch im schwarzen Umschlag, sind Hand- und Bastelarbeit vom Feinsten. Mit den Kolleginnen und Kollegen werde gemeinsam ausgewählt, grafisch gestaltet, gedruckt, gefaltet, geklebt, fortlaufend handgestempelt, ins Plastiktäschchen eingetütet, verschickt – und zwar jedes einzelne Exemplar einer zunächst kleinen Anfangsauflage, erklärt Johanna Öttl das grundsätzlich ehrenamtliche Engagement aller Beteiligten. Produziert werden könne an jedem Standort jeder Titel.
Darüber hinaus gebe es kein Marketing, keinen Vertrieb und keine aktive Pressearbeit, aber fixe Lektorate. Bei diesen stünden die Qualität der Texte und die enge Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren im Mittelpunkt. Öttl leitet gemeinsam mit Daniel Terkl seit 2012 das Programm in Wien und betreut auch das Lektorat. In der Regel erscheinen dort vier Titel pro Jahr, an manchen Standorten mehr, an anderen weniger. Es herrschten Autonomie, Gleichberechtigung und Eigenverantwortlichkeit im gemeinsamen, flexiblen Miteinander, aber auch die Gesetze der Eigendynamik. Niemand werde gehalten, gewünscht sei ein „Kommen und Gehen“, ohne „Konkurrenzdenken zwischen den einzelnen Standorten“. Klarerweise sei das Verlagsgeschäft nicht wie üblich zentralistisch und autoritär organisiert oder strebe nach Gewinnmaximierung, sondern setze dem das eigene ambitionierte Konzept entgegen.

hochroth sei eine Haltung, unterstreicht die Programmleiterin den politischen Gestus. „Große Entscheidungen“ allerdings wie die Zusammenstellung des gedruckten Jahresprogramms, des catalogue général, werden gemeinsam getroffen, sagt Öttl. So sieht dieses in Leipzig genauso aus wie in Paris und anderswo samt den französischen Einsprengseln. An jenem Standort, den hochroth, Paris trefflich mit micro-édition de poésie untertitelt, erscheint in diesem Jahr etwa Lyrik der tragischen Dichterin Catherine Pozzi (nyx) sowie die erste Übersetzung ins Französische einer Anthologie der renommierten albanischen „poétesse“ Luljeta Lleshanaku (Les Enfants de la morale).
München, dabei seit 2017, steuert mit ich sehe die einsamkeit vor mir und sie ist leicht die zweite Veröffentlichung aus dem Nachlass der 2016 verstorbenen Künstlerin und Schriftstellerin Ianina Ilitcheva“ bei. Die von Rick Reuther herausgegebene Auswahl an „Blogeinträgen, Tweets sowie Gedicht- und Kurzprosaveröffentlichungen thematisiert Körpererfahrung, Liebe und Sex, Freiheit und Tod“ und ist so magisch, direkt und bezaubernd wie ihr Debüt 183 Tage.

Zu den letzten Veröffentlichungen aus Wien gehören aktuell der ebenso schlüpfrige wie hochkomplexe Band herzkranzverflechtung des Multitalents Semier Insayif, der darin derart anspielungsreiche Sonettenkränze rund um das Herz als medizinisches Organ flicht. Hier zeigt sich einmal mehr die Stärke von hochroth, das Lyrikbände veröffentlicht, ohne an mögliche Verkaufszahlen zu denken. Das trifft auch für die Übersetzung des Renaissance-Textes Sylva in scabiem (2016, Wald aus Krätze) aus dem Lateinischen zu, einem „hochinteressanten Zeitdokument“. Der junge Übersetzer Tobias Roth lädt ein zum unerschrockenen „Genuss des exotischen Klangs und des Rätselhaften, um dessentwillen man mitunter zu Gedichten greift“. Ein besonderes Augenmerk legt man in Wien auch auf die Übersetzung von „kleineren Sprachen ins Deutsche“, wie etwa dem Slowenischen. 2015 erschien dort eine erste Auswahl an Gedichten von Anja Golob (ab und zu  neigungen), ein echter, wie sich herausstellte, Verkaufsschlager. Öttl setzt in ihrer Auswahl auf „überraschende Begegnungen“ und „Kulturtransfers“ in alle Richtungen, so beispielsweise auch ins „facettenreiche Persien“ (Nahid Kabiri, Garten, mit Nägeln, 2017).

Wie kommen die hochroth-Bücher nun zu den Menschen? Überraschend klassisch: über Veranstaltungen, die Autorinnen und Autoren selbst und Empfehlungen. Mit dem Verkauf über Buchhandlungen, ergänzt Öttl, tut man sich etwas schwer, bestellbar sind sie jedoch wie jedes Buch überall.
Das System hochroth überzeugt, weil es funktioniert, als Projekt der Mitbestimmung, als Konzept ohne Konzept, aber konsequent und leidenschaftlich. Solange die Lyrik unvermindert blüht und gelesen wird, liegen die nächsten frohen zehn Jahre vor hochroth.
Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!

 

Mit großem Dank an Johanna Öttl für das ausführliche Gespräch.

In den Lyrik-Empfehlungen 2018 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung findet sich der Band Reibungen von Maricela Guerrero (hochroth Berlin 2017).
Bestellformular von hochroth (mit dem charmanten Hinweis: „Wir sind nicht Amazon, unsere handgefertigten Bände können manchmal auf sich warten lassen; sehen Sie dies bitte als Mehrwert.“). Alle Bücher kosten zwischen 6 und 8 Euro.
Verlagshomepage

Auf literaturleuchtet findet sich aktuell eine schöne Besprechung von Verena Stauffers Romandebüt Orchis (Kremayr&Scheriau, 2018) und ein kurzer Anklang an ihr Gedichtbändchen zitronen der macht, erschienen 2014 bei hochroth.

Senta Wagner
(Grafiken Katharina Gattermann ©hochroth, sentafoto)

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