So böse, so schön

Fast ein Unding: Die Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) zierte bisher noch mit keinem Titel unsere Auslage. Dabei macht der Verlag seit bald einem Jahrhundert in irgendeiner Weise von sich Reden. Seit den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart – unterbrochen von Störungen, Pausen, Luft (Liquidation 1938, Neugründung, Stilllegung, Übernahme) – gab es die FVA „genau genommen schon dreimal“. Dieses Festhalten will was heißen und weist heute auf ein Programm allererster Güte und Ambition. Seit 1994 ruhen die Verlagsgeschicke in den Händen von Joachim Unseld. Das Programm wird von „wichtigen deutschen und ausländischen Stimmen“ getragen, darunter diverse große Preisträger. Besonders im Feld des Romandebüts ist der Verlag stark und findig: Autoren wie Christoph Peters, Zoë Jenny, Marion Poschmann, Nora Bossong, Julia Wolf haben erfolgreiche literarische Karrieren hingelegt.
Wenn schon bisher nicht auf dem Hotlistblog, so ist die FVA doch Gewinnerin des Preises der Hotlist 2011 für den Roman Mein sanfter Zwilling der Georgierin Nino Haratischwili.

Und nun zum jüngsten Streich des Verlags – dem Romandebüt von Mareike Fallwickl.

Dunkelgrün fast schwarz

Farne lieben es schattig und feucht. In so einem immergrünen Dickicht entfaltet nun die junge österreichische Autorin Mareike Fallwickl ihren entwaffenden Debütroman Dunkelgrün fast schwarz. Ein Haus ist in diesem Hort von Geschichte und Geschichten und es steht erhaben auf einem Berg, das Dorf liegt darunter, Salzburg ist in der Ferne erkennbar, aber nur bei guter Sicht. Um ein neues Zuhause zu beleben, muss es mit Empfindungen angefüllt werden. So lädt es sich auf oder bleibt leer. Der kleine Moritz, der dort Anfang der Achtziger Jahre mit seiner Familie lebt, ist ein „Augenmensch“, seine Wahrnehmung geht über alle Sinne, die Welt schmeckt, riecht und schillert in allen Farben.

Dieses synästhetische Ineinandergreifen verschiedener Sinnesebenen macht Fallwickl für ihr Schreiben auf lustvolle und hochspannende Weise produktiv. Ihre Sprache ist enorm stark, wendig, verspielt-überbordend, aber auch sicher darin, Gefühle zu übersetzen, das Unbegreifliche, Abgründige, Abseitige in uns erfahrbar zu machen, „Seelenmüll“ zu bergen und die Erzählweisen zu modulieren.
Ausgehend von diesem Haus legt sie ab der Erzählgegenwart 2017 ein dichtes Netz aus, dessen Fäden unsichtbar, aber teuflisch gut von Raffael, Moritz Blutsbruder aus der Kindheit, in den Händen gehalten werden, wenngleich kein einziges Kapitel nach ihm benannt ist. Es gibt immer die, die ziehen, und die, die gezogen werden. Und Moritz wurde eindeutig gezogen. Raffael hält den Erzählraum besetzt, die Kapitel sind nach den anderen Figuren benannt: Moritz, seiner Mutter und Johanna – und erzählen aus deren Perspektive.

Raffaels plötzliches Auftauchen und Einnisten in der Wohnung von Moritz und seiner schwangeren Freundin nach sechzehn Jahren Funkstille grätscht in ein junges Glück hinein und stößt einen Rückwärtsstrudel an in den „Schutt“ vergangener Jahre. Vernarbte Wunden reißen auf, familiäre Abhängigkeitsmuster zeigen sich.
Mit Johanna im Bunde, die im Jugendalter zu den beiden Freunden dazustieß, entwickelte sich damals eine fatale Dreieckskonstellation. Wahre Gefühle wurden stets von Besessenheit und gegenseitiger Zerstörung überlagert, so wird auch sie nach sechzehn Jahren wieder auftauchen, weil manche Bande einfach nie reißen. Erst langsam begreift Moritz, was er längst hätte begreifen und vor allem mit all seinen Sinnen sehen müssen.
Fallwickl erzählt mit einem bestechenden Blick für Schönheit und deren Fratze von Macht, Begehren, Transgression und Unterwerfung, vom Mangel an (Selbst)Liebe, aber auch von ihrer Kraft.

  • Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt 2018. 475 Seiten. 24 Euro.

Mareike Fallwickl betreibt seit 2009 den Literaturblog Bücherwurmloch und ist Kollegin von We read Indie.

 

Senta Wagner (sentafoto)

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