Indie-AutorInnen schreiben für uns – Andreas Unterweger (20)

Wer bei einem unabhängigen Buchverlag seine Bücher verlegt, die und den nennen wir einfach mal Indie-Autorin und Indie-Autor. Die beiden müssen das nicht immer bleiben, Literatur lässt sich nicht binden, aber es ist schön, wenn es so ist. Beim Hotlistblog kommen die fertigen Werke, Romane, Erzählungen, Lyrik, so benannter AutorInnen in die schmucke Auslage. In dieser Prosa-Reihe bitten wir sie um Unveröffentlichtes, Einblicke in Schreibprozesse oder Auszüge aus Romanprojekten.

(20)

Kaffeeklatsch! Wie alt waren Sie, als Sie das erste Mal Kaffee kochten? Unser heutiger Jubiläumsgast Andreas Unterweger macht in seinem Textauszug „Koffeinismus“ aus diesem ersten zauberhaften Mal das Erweckungserlebnis eines Siebzehnjährigen. Siebzehn, das ist kein Alter, sondern ein Lebensgefühl. Kunstvoll bindet er dieses an die zarte Geschichte einer zerbrechenden Liebe, die intellektuelle Dominanz des älteren Freundes, an eine Dreieckskonstellation und beduftet es en passant mit dem Aroma einer ganzen Weltanschauung. Kaffeetrinken will gelernt sein, und Balzac konnte es.

„Koffeinismus“ ist eine der Erzählungen aus dem Band Grungy Nuts, den Unterweger im Herbst 2018 nach „vier Büchern in großen, romanähnlichen Prosaformen“ (zuletzt 2015 Das gelbe Buch) im Literaturverlag Droschl veröffentlichen wird. Formal bettet der Autor, der als „widerspenstiger Sanfter“ gilt, seinen Text in ein Korsett, das wie in allen Erzählungen aus jeweils anders angeordneten 17 x 17 gleich langen Zeilen besteht – denn es geht in Grungy Nuts um Siebzehnjährige. Zwänglerische Formstrenge macht nun auch den Reichtum und den Zauber des Schreibens von Andreas Unterweger aus. Es dient ihm dieses Gerüst eben gerade zu fantasievollen, gewitzten bis hin zu lyrischen Sprachbearbeitungen – tastend, ringend, stolpernd, klammernd, stoppend (:) weisen sie weit über die gesetzten Grenzen hinaus. Und dann wird es erst recht herz- und geisterhebend.

Und nun greifen Sie zum Kaffee!

 

KOFFEINISMUS

 

1

Ich war 17 Jahre alt, als ich das erste Mal Kaffee kochte. Ich
weiß schon: das ist nichts Besonderes – die meisten sind jünger,
wenn sie es tun, manche auch viel jünger (und dann ist es was
anderes), andere aber sind viel, viel älter – Goethe z. B., so Hans,
sei über 30 gewesen (andererseits: woher will Hans das wissen).

Ich weiß nur: Ich war 17, als ich das erste Mal Kaffee kochte,
und es geschah bei Marie, in Maries alter Wohnung, der „Dach-
kammer“, wie Hans sie meist nannte – Hans, der, dann, später,
auch dort wohnte: erst mit uns; dann: mit ihr; noch später, viel-
leicht, sogar: ohne sie … Aber das war, wie gesagt, erst später.

Damals jedenfalls, an jenem Morgen, als ich in Maries Wohnung
erstmals Kaffee kochte, für uns, sie und mich, wohnte sie noch
allein, und wir waren zu zweit, nur wir beide – wobei: die Tasse,
die ich für sie hinstellte und aus der dann auch ich, wenig später,
den ersten Kaffee meines Lebens (vorsichtig, ganz vorsichtig!)

herausschlürfte, war, vielleicht, das weiß ich nicht (und kann nun
niemanden mehr fragen [wie auch?!]), ein Geschenk von Hans.

2

Hans hatte mir gezeigt, wie man Kaffee kocht. Hans war es, der
mich eingeführt hatte in jene dunkelbraunhellschwarze Welt, er
hatte mich vertraut gemacht mit all den Werkzeugen, die man da-
für braucht: die Filter (die er immer eigenhändig faltete), das
Löffelchen, das „Schwarze“ (wie er zu dem Pulver sagte) usw.

Hans war es auch, der mit mir zu Burroughs´ gegangen war, wo-
hin ich mich allein doch niemals getraut hätte. Er zeigte mir, wie
man die guten, sauberen Bohnen erkannte und woran jene, von
denen man besser die Finger ließ. „Besser gesagt“, sagte er, „die
Zunge!“ Er zeigte mir seine, kaffeebraunschwarze – ich lachte.

Später, als es um unseren Kaffee ging (und mit „uns“ meine ich
immer noch, trotz allem: uns, Marie und mich), ging ich freilich
allein zu Burroughs´, wenn der Kaffee knapp wurde. Auch dann,
als das Geld knapp wurde, und selbst, als der Platz knapp wurde,
und sogar, als ich selbst, noch viel später, längst schon woanders

schlief, ging ich, noch immer, alledem zum Trotz, allein dahin,
ganz allein. Aber jedes Mal hatte ich Hansens Zunge vor Augen.

3

Marie war da anders. Aber für uns, Hans und mich (besser ge-
sagt: für Hans, dann, später erst, dank ihm, auch für mich), war
Kaffee etwas anderes als für die anderen. „Die anderen“, sagte
Hans, „trinken Kaffee, wie Flaubert Tee trank: Sie tauchen ihre
Tränensäcke in lauwarmes Wasser, bäh … Balzac dagegen!“

Ach, Balzac – Hans sprach so oft von ihm … Balzac, der, laut
Hans, Tag für Tag an die fünfzig Mal Kaffee getrunken habe. Die
Füße im Senfbad, Mönchskutte an, Fenster und Türen dicht und
unter falschem Namen billigst („doch mit den besten Bohnen!“)
einquartiert: „So – wie Balzac – trinkt man Kaffee“, sagte Hans.

Marie konnte dem nicht viel abgewinnen. Aber Hans versuchte
gar nicht erst, sie auf seine Seite zu ziehen. Das überließ er mir.
Und wenn Marie sich kopfschüttelnd abwandte, wieder über die
Rechnungen beugte, zog er mich beiseite: „Man sagt“, zischte er,
„Balzac habe so viel Kaffee getrunken, um so viel schreiben zu

können … In Wirklichkeit aber“ (und dabei spürte ich fast, ganz
heiß, seine Zunge im Ohr), „in Wirklichkeit: war es umgekehrt.“

4

Hans schenkte mir seinen alten Kapuzenpulli. Es war ein ziem-
lich dunkles, früher vielleicht einmal gelbes, jetzt aber eher grau-
braun-geschecktes, alles in allem freilich, den Flecken und dem
verblichenen Muster zum Trotz, schwarz wirkendes Ding – das
Hans, wie er sagte, „geliebt“ habe. Dennoch: Er schenkte es mir.

Es geschah nach der „Probe“. In jener Nacht war Hans – unange-
kündigt, lang nach Mitternacht (ich lag noch wach) – bei uns,
Marie und mir, hereingeplatzt. Hatte mich flüsternd hochgezogen
– und hinuntergebracht, in sein Auto. Dort verband er mir dann
die Augen. „Wohin?“, fragte ich. „Nach Kerouac!“, lachte Hans.

Wir schwiegen: die ganze Fahrt lang. Schließlich hörte ich, wie
der Motor verstummte. Die Autotür ging auf. Von draußen: ein
Klimpern. Ein Rattern. Noch eins. Und dann: zog Hans mich ins
Freie, drückte mir dort etwas Heißes, Weiches (Plastikbecher!) in
jede Hand: „Kaffee oder Kakao?“ Doch noch bevor ich hätte

schnuppern können, schubste er mich, kräftig, mit beiden Armen,
nach vorne – wie ich feststellen musste, einen Abhang hinunter.

5

Ich glaube, es war Grünbein, der bemerkt hat, das Kennzeichen
des modernen, großstädtischen Menschen (vom antiken Rom bis
zum Tokio der Gegenwart) sei seine Schlaflosigkeit. Zumindest
glaube ich, Hans das sagen gehört zu haben. Allerdings hatte
Hans überhaupt, wie so oft, seine eigenen Thesen zum Thema.

„Denk doch nur an die alten Müllerlieder“, sagte er. „Bei Tag
und bei Nacht ist der Müller stets wach.
“ Oder: „Kennt nicht Ruh
bei Tag und Nacht
… Wenn das nicht neurotisch ist, was dann?
Und wo geht es ihm so? In einem stillen Grunde! Nein, nein“,
lachte Hans, „nicht nur der Homo metropolis ist ein Insomniac.“

Davon ausgehend entwickelte Hans komplizierte Theorien, die
ich nie ganz begriff, deren Teile aber, laut Hans, „wie Räder“ in-
einander griffen. Das zumindest klang logisch – es ging ja um
Räder: „Mühlenrad – Kaffeemühle – Rad des Lebens“, sagte
Hans etwa, „verstehst du?“ Und ohne meine Antwort auch nur

abzuwarten (ich lachte still), kramte er ein altes Telefonbuch aus
seinem Rucksack, schlug es auf und rief: „Schau, alles Müller!“

6

Hans hatte mich aufs Land gebracht. An einen Bach, einen Fluss
– zumindest roch es so: „schlickende, dann krautige Stille der
Ufer“, eines von Hansens Lieblingszitaten (Celan), war das Er-
ste, was mir durch den Kopf schoss, als ich, die beiden randvol-
len Automatenbecher in Händen, die Böschung hinunterrutschte.
(…)

(Auszug aus den Erzählungen Grungy Nuts)

 

  • Andreas Unterweger wurde 1978 in Graz geboren, lebt in Leibnitz (Österreich). Studium Germanistik/Französisch in Graz und Nantes. Schriftsteller, Songwriter, Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte (gemeinsam mit Alfred Kolleritsch). Seine Bücher erscheinen im Literaturverlag Droschl. Im Herbst 2018 erscheint Grungy Nuts (Erzählungen). Würdigungen, u. a.: manuskripte-Preis des Landes Steiermark 2016, Literaturpreis der Akademie Graz 2009.
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„Andreas Unterweger bringt eine literarisch-musikalische Rube-Goldberg-Maschine in Gang, die aus lauter Sprachspielen, grotesken Einfällen und brillant gebauten Satzgebilden besteht. Läuft sie an, greifen die Elemente passgenau ineinander, manövrieren die Leser durch Welten voller Fantasie und literarischer Kunstfertigkeit.
Die sieben Erzählungen sind mit Anspielungen auf Kafka, Burroughs und Kerouac, Nirvana, Oasis und vielen mehr nur so gespickt. Eine Entdeckungsreise auf und zwischen den Zeilen, und auch die durchweg 17-jährigen Figuren erkunden allerhand: das Lebensgefühl in dieser Zeit; den Wahn- und Irrsinn der ersten eigenen Grunge-Band samt WG-Leben in den 1990ern; welch Abgrund sich im Keller einer Diskothek auftut; den ersten Liebeskummer oder wie eine Schar »Meerjungfrauen« in schwindelerregender Weise eine Einzimmerwohnung auf den Kopf stellt.
Unterwegers Fabulierkunst kennt keine Genregrenzen: von Coming-of-Age-Elementen bis zu einem knifflig ausgefuchsten Kriminalfall in der Erzählung Elf beherrscht er die gesamte Klaviatur des schriftstellerischen Handwerks.“ (Verlagstext zu Grungy Nuts)

 

Herzlichen Dank an Andreas Unterweger für den Textauszug aus Grungy Nuts!

 

Senta Wagner

(Foto Andreas Unterweger © UMJ-Lackner 3)

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