Indie-AutorInnen schreiben für uns – Johanna Wohlgemuth (18)

Wer bei einem unabhängigen Buchverlag seine Bücher verlegt, die und den nennen wir einfach mal Indie-Autorin und Indie-Autor. Die beiden müssen das nicht immer bleiben, Literatur lässt sich nicht binden, aber es ist schön, wenn es so ist. Beim Hotlistblog kommen die fertigen Werke, Romane, Erzählungen, Lyrik, so benannter AutorInnen in die schmucke Auslage. In dieser Prosa-Reihe bitten wir sie um Unveröffentlichtes, Einblicke in Schreibprozesse oder Auszüge aus Romanprojekten.

(18)

Was macht ein glückliches Leben aus? Unser heutiger Gast Johanna Wohlgemuth stellt das Streben danach, den Kampf darum in den Mittelpunkt ihres Romanprojekts Pippa, aus dem hier der Auszug Unter seinen Füßen veröffentlicht wird. Grundsätzlich umkreise ihr Schreiben die menschliche Psyche, deren Entwicklung, Beeinflussung und Erkrankungen. Bereits in ihrem 1932 spielenden schmalen Debüt Frau Schnieder kehrt heim, das 2017 im Gorilla Verlag erschien, klingen die Themen an, schmucklos und klar ist die Sprache der Autorin.

Und wer ist der Gorilla? Die Unternehmerin und Literaturwissenschaftlerin Laura Bruning machte aus ihrem studentischen Nebenprojekt 2017 das Verlegen zum schönen Brotberuf und stellt das kafkasche „Beißen und Stechen“ ihrem Tun als Motto voran. Im Fokus steht also die „unbequeme Literatur“. Bruning will „dem Leser sowohl mit nüchternen Abbildungen der Realität als auch mit Einsichten in die dunklen Tiefen des menschlichen Denkens Raum für Pausen vom immer perfekten, immer sauberen Funktionieren in der Gesellschaft bieten“. In diesem Zusammenhang fällt auch der Begriff Dark Drama und „Feel-Bad“-Literatur. Und so setzt der Verlag „nicht allein auf das schriftliche Medium, sondern testet die Grenzen von Narration im intermedialen Bereich bestmöglich aus“.

 

Unter seinen Füßen

Ich sehe ihm zu, wie er packt. Max packt Sachen. Er hat eigentlich nicht viel Zeug bei mir, aber genug, dass es ihm schon nach ein paar Tagen fehlt. Von meinem Platz auf dem Schreibtischstuhl beobachte ich, wie er Unterwäsche, T-Shirts, Bücher in eine große Tasche wirft. Immer wieder schlucke ich, presse die Augen zusammen, kneife mich selbst in den linken Arm. Bloß nicht heulen.
Ich frage mich, wie das sein kann, wie unsere Zeit so einfach da reinpasst, in diese blöde blaue Tasche. Sie erscheint mir viel zu klein, viel zu unbedeutend für das, was er wirklich einpackt und für immer mitnimmt. Aber letztendlich wird sie nicht mal voll und dann ist Max fertig. Steht, schaut mich an, öffnet den Mund, schließt ihn wieder, schweigt, räuspert sich, startet einen neuen Anlauf.
Also, sagt er. Bis dann.
Ich schlucke. Ja, sage ich. Bis dann.
Er schaut auf seine Füße, ich bewege mich nicht. Möchte ich oder möchte ich nicht: ihn umarmen? Ich bin mir nicht sicher, in nichts mehr, jedes bisschen Sicherheit hat er ebenfalls in diese dämliche Tasche geworfen.
Und dann geht Max. Dreht sich einfach um, öffnet die Tür, bleibt mitten in der Bewegung kurz stehen. Ich betrachte noch seinen Hinterkopf, meine Finger erinnern sich, wie er sich anfühlt, erinnern sich an die Feinheit seiner Haare, an die Wölbung aus gewirbelten Strähnen, die sich nicht für eine Richtung entscheiden können.

Dann tritt Max hinaus in den Flur und nimmt seinen Hinterkopf mit. Ich höre Max‘ Schritte auf dem Holzfußboden, dann auf der Treppe, die dritte Stufe von oben knarzt genau so, wie sie es nur unter seinen Füßen tut.
Ich bewege mich immer noch nicht, meine rechte Wade wird taub.
Irgendwann vibriert das Handy auf dem Schreibtisch. Nach einer Weile vibriert es noch mal und ich sehe nach: Maria.
Ist er weg?, schreibt sie. Und dann: Ich warte auf dem Spielplatz. Komm! Ich hab Alk.
Also gehe ich. Erst aus dem Zimmer, durch den Flur, hinunter, in die Schuhe, aus dem Haus, unsere Straße entlang, über den Schotterweg, durch den Sand, am Klettergerüst vorbei, in Marias Arme.

Und ich frage mich und Maria, ob es wohl an mir liegt, ob ich die bin, die nicht liebenswürdig ist, oder ob Max der ist, der nicht liebensfähig ist, oder ob vielleicht beides oder ob vielleicht nichts, ob es vielleicht einfach manchmal so passiert, einfach so, und Maria hält mich mit allem, was sie hat, im Arm, und ich weine ihr in die Haare, mit Rotz und so weiter, und ich schäme mich, aber nicht vor ihr, sondern vor mir und meiner dummen, dummen Liebe und den Hoffnungen und Wünschen, vor den naiven Ideen, die mir tief in den Magen schlagen.
Maria reicht mir ein Bier, aber ich möchte lieber den Wodka, der erste Schluck schmeckt salzig, meine Lippen sind gleichzeitig trocken und matschig. Ich schlucke, ich heule. Ich schlucke. Heule. Nehme mir zwei Sekunden, damit ich nicht kotzen muss.
Mach langsam, sagt Maria, nimmt mir die Flasche aber nicht weg.
Schon wieder ist die Weide neben dem Spielplatz leer.
Wo sind eigentlich diese Scheißschafe, frage ich Maria. Sie zuckt die Achseln, ich erinnere mich, wie Max die Achseln zuckt, wie er dabei die Arme anwinkelt und die Handflächen nach oben dreht, wie er die Zähne zeigt, um zu sagen: Ups.
Ein neuer Heulkrampf kämpft sich durch meinen Körper, ich huste, weil ich zu tief ausgeatmet habe. Oder ist es eingeatmet? Die Luft steckt jedenfalls fest und meine Brust – sie reißt auseinander, einfach mitten durch. Wieso zum Teufel blute ich nicht?
Ich krümme mich zusammen, jetzt nimmt Maria mir doch den Wodka weg, wahrscheinlich hätte ich ihn sonst fallen lassen. Sie streicht mir über den Rücken, ich lege meine Stirn auf ihr Knie, dann den ganzen Kopf auf ihren Schoß. Maria stellt den Wodka ab, hebt den Arm und schaut aufs Handy.
Was ist?, frage ich sie. Ich drehe den Kopf auf ihrem Schoß zur Seite und blicke sie an, über ihr blendet die Sonne. Wie unpassend, denke ich nebenbei. Mein Nacken verkrampft sich.
Thomas, sagt sie dann und schiebt mich mit der freien Hand von ihrem Schoß. Da muss ich rangehen.
Sie steht auf, geht ein paar Schritte weg von mir, geht ans Telefon. Ich sehe ihr beim Telefonieren zu, wie sie die linke Hand am Handy hat und die rechte im Nacken, wo ihr Mittelfinger mit den Haaren spielt. Sie lächelt. Ich greife nach dem Wodka und trinke noch einen Schluck. Ob Thomas wohl auch so eine blaue Tasche hat wie Max, ob die beiden sich wohl auch irgendwann trennen, ob ich dann hier wäre, hier neben der leeren Weide mit Wodka und Bier und da für Maria?
Maria kommt wieder näher, ich höre, wie sie sich verabschiedet, ein Küsschen ins Telefon, dann legt sie auf.
Und?, frage ich und verschlucke mich am Wodka. Er brennt in der Luftröhre und zwischen Nase und Mund. Ich huste, Maria setzt sich neben mich und schlägt mir mit der rechten Hand leicht auf den Rücken. Sie sieht mich nicht an, sie blickt an mir vorbei und dann auf ihre Füße.
Ich muss dann gleich gehen, sagt sie.
Ich kneife die tränenden Augen zusammen und sage: Was?
Ja, sagt Maria. Thomas und ich treffen uns noch.
Wieder sage ich nur: Was? Und dann: Hä?
Mit der Linken halte ich die Flasche Wodka sehr fest.
Ich weiß schon, das ist scheiße mit Max, sagt sie, als ich wieder atmen kann. Aber ich kann mich echt nicht immer nur um dich kümmern. Wir können uns ja morgen treffen?

(Auszug aus Romanprojekt Pippa; hier gehts zum PDF)

 

  • Johanna Wohlgemuth wurde 1988 in München geboren, studierte Germanistik (BA), Europäische Kultur und Ideengeschichte (MA) in Karlsruhe, wo sie derzeit auch lebt. Sie veröffentlichte diverse Gedichte und Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien, wurde 2017 mit dem Fränkischen Krimipreis (1. Jurypreis) ausgezeichnet. Ihr erster Roman Frau Schnieder kehrt heim erschien 2017 beim Gorilla Verlag, Halle/Westf. Sie ist Gründungsmitglied der Autorengruppe beschriftet. Social Media: Homepage  I   Facebook

 

 

 

 

Mit herzlichem Dank an die Autorin für Ihren Beitrag!

(Senta Wagner)

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