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Tiere sind „gut zum Denken“, wie Claude Lévi-Strauss festgestellt hat, und mit der Darstellung von Tieren, etwa im Märchen, können Menschen ihre eigenen Erfahrungen ergründen. Vielleicht hat diese Idee auch Richard de Fournival inspiriert, Mitte des 13. Jahrhunderts das Liebesbestiarium zu verfassen, eine Sammlung von Anrufungen, Erklärungen, Klagereden eines Liebenden an eine unbekannte Dame, in denen der Autor für die Liebe und das Verhalten von Liebenden Vergleiche aus dem Tierreich heranzieht. Dabei kann es sich um durchaus für den Menschen positiv besetzte Tiere handeln:

Denn seine [des Löwen] Natur ist solcherart, dass er, wenn man ihn jagt und er sich nicht verteidigen kann und also fliehen muss, seinen Schwanz hinter sich herzieht und mit ihm seine Spuren verwischt, so dass man nicht mehr weiß, in welche Richtung man ihn verfolgen soll.
Genauso handelt der weise Mann, der sich von der Vorsicht leiten lässt.
Wenn er etwas tun muss, weshalb man ihn tadeln könnte, wenn man es erführe, geht er so umsichtig vor, dass keiner es je erfahren kann.

Andere Tiere wiederum wirken als Vorbild auf uns eher bizarr:
Wenn ich so hätte handeln können wie der Hund, dessen Natur solcherart ist, dass er, wenn er erbrochen hat, zu seinem Erbrochenen zurückkehrt und es noch einmal auffrisst, hätte ich gerne meine Bitte um Liebe hundertmal heruntergeschluckt, seitdem sie mir von den Lippen flog.

Tiere sind in der mittelalterlichen Literatur und Kunst fest verwurzelt, man denke an die vielen Falken und Einhörner. Für uns mag ein Einhorn kein „richtiges“ Tier sein; in den mittelalterlichen Bestiarien und auch in den früheren Vorbildern wie dem Physiologus vermischen sich reale Tiere ganz selbstverständlich mit mythischen und märchenhaften. Dabei ist es für die heutigen Lesenden unerheblich, ob die Menschen früher tatsächlich an das sogenannte Sägemonster geglaubt haben, ein riesiges geflügeltes Tier mit Federn scharf wie Rasiermesser, das mit Schiffen um die Wette fliegt. Interessant ist vielmehr, wie es mit Bedeutung aufgeladen wird und was es uns über das Denken der Menschen erzählt. Im Liebesbestiarium offenbart sich ein Denken der vorwissenschaftlichen Zeit, das noch nicht kausal orientiert ist, sondern mit Vergleichen arbeitet, so wie es etwa auch die Signaturenlehre bei den Pflanzen zeigt. Es wird nicht nach der Ursache, dem Warum für das Verhalten der Geliebten gesucht, sondern nach Parallelen und Anknüpfungsmöglichkeiten bei den Tieren: So wie der Kranich hätte auch ich mich verhalten sollen … Einerseits ist dies ein literarisches Stilmittel, das humorvoll oder provokant sein kann, wenn etwa die Geliebte mit einer Wölfin verglichen wird. Andererseits zeigt sich hier die Vorstellung, dass alles miteinander verbunden ist und dass sich der Mensch als Teil der Natur, der Schöpfung sieht.

Auch in der christlichen Ikonographie spielen Tiere eine große Rolle, wo jede Tierbeschreibung mit einer religiösen Legende verknüpft ist. Die beliebten „christlichen“ Tiere kommen bei Fournival ebenfalls vor, er deutet die erbauliche Symbolik aber ins Emotionale, Erotische um: Das Einhorn steht bei ihm nicht für Jesus, der sich im Schoß der Jungfrau Maria einfindet und den Kreuzestod auf sich nimmt, sondern für den hoffnungslos Verliebten, der vom Duft der Dame angezogen wird und nur gerettet werden könnte, indem sie ihn erhört. Der Pelikan öffnet in der christlichen Legende seine Flanke und erweckt mit seinem Blut seine toten Jungen wieder zum Leben. Bei Fournival wiederum wird der Ich-Erzähler gegenüber seiner Geliebten zu einem bedürftigen Küken, das durch ihre Zurückweisung getötet wird. In seiner Fantasie gibt es aber auch für ihn ein Heilmittel:

Doch wenn Ihr eure schöne Flanke hättet öffnen, mich mit Eurem süßen Wohlwollen begießen und mir Euer begehrtes süßes schönes Herz hättet schenken wollen, das in dieser Flanke ruht, hättet Ihr mich zu neuem Leben auferwecken können.

Das Liebesbestiarium entstand in einer Zeit, die der Übersetzer Ralph Dutli als „kleine Renaissance“ bezeichnet, da sie von vermehrter literarischer Produktion, geistigen Abenteuern und außergewöhnlichen Persönlichkeiten geprägt war. Eine davon ist Richard de Fournival, geboren 1201 in Amiens, ein Gelehrter, Ratgeber des Bischofs, der auch in der Astronomie bewandert war und die Erlaubnis hatte, die Chirurgie zu praktizieren; nicht zuletzt ein Büchersammler, der die Idee einer öffentlichen Bibliothek gebar, und ein bekannter Schriftsteller. Ein ausführlicher Essay von Ralph Dutli erzählt mehr über den Autor, die literarischen Tradition und schließlich die Rezeption: Noch im selben Jahrhundert erschien Die Antwort der Dame, die literarische Gegenposition einer unbekannten Verfasserin oder eines unbekannten Verfassers.  Diese ist in der Ausgabe aus dem Wallstein Verlag enthalten, ebenso wie andere Beispiele „bestiarischer“ Lyrik verschiedener Autoren aus dem 12. und 13. Jahrhundert.

So wird das Liebesbestiarium als Buch auch für zeitgenössische Lesende nachvollziehbar, indem man es literarisch einbettet, und es erscheint nicht als einzelne Kuriosität in einer oft zu Unrecht als „finster“ empfundenen Zeit. Obwohl die Einschränkungen der Gesellschaft und die Tabus, denen die Liebe damals unterworfen war, immer wieder mitschwingen, wirkt es nicht nur wie ein Zeitdokument, sondern vielmehr wie ein Versuch, das Wirken und die Wirkung der Liebe zu betrachten und zu beschreiben, so wie Autoren durch die Jahrhunderte es immer wieder getan haben. Fournivals Bandbreite reicht dabei von nüchtern-distanzierter Beschreibung  über (Selbst-)Ironie, Belehrung, Hoffnung, Verzweiflung und Grenzüberschreitung. Man kann sich gut vorstellen, dass eine Frau ein so hartnäckiges Werben als lästig, im heutigen Sprachgebrauch vielleicht gar als Stalking empfindet. Für den Ich-Erzähler hingegen ist der Text Selbstbetrachtung und -erkenntnis, gleichzeitig eine Präsentation seiner Begabung: Er schöpft alle seine sprachlichen Möglichkeiten aus, sein Schreiben ist gleichzeitig Handeln, ein weiterer Versuch, die abweisende Frau zu gewinnen oder ihr zumindest im Gedächtnis zu bleiben.

  • Richard de Fournival: Das Liebesbestiarium. Aus dem Französischen des 13. Jahrhunderts übertragen und mit einem Essay von Ralph Dutli. Göttingen: Wallstein Verlag 2014. 188 Seiten. 19,90 Euro.

 

Miriam Mairgünther

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