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Seit 13. Oktober stehen die jubelnden Gewinner der Hotlist 2017 fest. Der Melusine-Huss-Preis geht nach dem Votum der Buchhändlerinnen und Buchhändler, die an der Abstimmung teilgenommen haben, an den Verlag Assoziation A für Lutz Taufers Autobiografie Über Grenzen – Vom Untergrund in die Favela. Dotiert ist der Preis mit einem Druckgutschein der Druckerei Theiss im Wert von 4000 Euro.

Der Verlag Assoziation A entstand 2001 aus dem Zusammenschluss der Verlage Schwarze Risse, Berlin, und Libertäre Assoziation, Hamburg. Programmschwerpunkte sind das politische Sachbuch u. a. zu den Themen Flucht und Migration, soziale Bewegungen, Geschichte der Linken, Antifaschismus sowie avantgardistische Literatur.

Theo Bruns (re) vom Verlag Assoziation A und Christian Theiss von der Druckerei Theiss.
Foto: Norsin Tancik

Gespräch mit Verleger Theo Bruns

Warum haben Sie sich bei der Einreichung zur Hotlist für Über Grenzen entschieden? Wie haben Autor und Buch zu Ihnen gefunden und wie war die Zusammenarbeit?

Ich habe Lutz Taufer bereits 1976 im Gefängnis besucht. Damals studierte ich in Marburg und arbeitete nebenher im örtlichen linken Buchladen, der auch Bücher in den Knast verschickte. Wir haben über die Jahre den Kontakt nie verloren und nach seiner Haftentlassung hat Lutz Taufer das erste Jahr mit mir in einer Mini-WG in Hamburg zusammengewohnt. Uns verbindet also eine lange Geschichte, und ich fand immer, dass es lohnenswert wäre, seine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Lebensgeschichte aufzuschreiben, und habe ihn in diesem Sinne ermuntert.
Nach seiner Rückkehr aus Brasilien, wo er zehn Jahre in den Favelas von Rio de Janeiro gearbeitet hat, entschied sich Lutz Taufer dann seine Autobiografie zu schreiben. Ich habe das Lektorat übernommen und es war auf der Basis einer langen und vertrauensvollen Freundschaft eine wunderbare, aufgrund der dramatischen Thematik bisweilen auch aufwühlende Kooperation, an deren Ende ein Buch steht, das ich als bewegende Lebensgeschichte und einzigartiges Zeitdokument wärmstens zur Lektüre empfehlen kann.

Wie wird Über Grenzen von Publikum und Presse aufgenommen?

Die Autobiografie von Lutz Taufer hat als nichts beschönigender, selbstkritischer und zudem exzellent geschriebener Lebensbericht eines ehemaligen RAF-Mitglieds, der sich seiner Geschichte stellt, ohne die Gründe für den eigenen Aufbruch vergessen zu haben, eine sehr positive Aufnahme in Presse und Literaturkritik gefunden. Auch auf den zahlreichen, sehr gut besuchten Lesungen gibt es eine überwältigende Resonanz auf das Buch und sehr lebhafte Diskussionen.

Was bedeutet die Verleihung des Melusine-Huss-Preises für den Verlag, den Autor?

Die Platzierung des Buches auf der Hotlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen und die Verleihung des Melusine-Huss-Preises bedeuten für Verlag und Autor eine schöne Anerkennung, die wir sehr zu
schätzen wissen und über die wir uns riesig gefreut haben. Dass die Auszeichnung der verlegerischen Leistung mit einem Druckgutschein der Druckerei Theiss verbunden ist, ist ein zusätzlicher Gewinn, zumal es in
Deutschland ja kaum, man möchte fast sagen beschämend wenig finanzielle Unterstützung für unabhängige und engagierte Kleinverlage gibt.

Was sind die derzeit größten Herausforderungen für einen linken Verlag?

Auf einer strukturellen Ebene: Bücher zu machen, die dem durch die Digitalisierung veränderten Leseverhalten Rechnung tragen und durch Gestaltung und inhaltliche Akzentuierung auch in Zukunft ein breiteres
Lesepublikum erreichen. Politisch: dem weltweiten Rechtstrend entgegenzutreten und an der Vision solidarischer und emanzipatorischer gesellschaftlicher Verhältnisse festzuhalten.

Wie gut gelingt die Balance zwischen politischen und literarischen Titeln? Welches Interesse verfolgt der Verlag mit der Veröffentlichung von Literatur?

Wir möchten engagierte Literatur veröffentlichen, die ein kritisches Spiegelbild des herrschendenden Weltzustandes darstellt, zugleich höchsten literarischen Ansprüchen genügt und mit avantgardistischen
Stilmitteln experimentiert. Ich denke, mit Autoren wie z.B. Luiz Ruffato aus Brasilien, Nanni Balestrini und Wu Ming aus Italien oder Paco Ignacio Taibo II aus Mexiko ist uns das gut gelungen.

Wie hat Ihnen die diesjährige Hotlist gefallen? Überrascht es Sie, mit einem politischen Sachbuch im mehrheitlich belletristischen Umfeld vertreten zu sein? Welche Botschaft könnte dahinterstecken?

Die Hotlist ist jedes Jahr eine wunderbare Überraschung, die die Vielfalt des Schaffens unabhängiger Verlage auf schönste Weise präsentiert. Wir hatten tatsächlich nicht damit gerechnet, mit einem politischen Sachbuch und einer so kontroversen Thematik einen Preis gewinnen zu können. Die Freude war deshalb doppelt groß. Wir sehen darin die Botschaft, dass der gesellschaftskritische Impuls innerhalb des Spektrums der „Independents“ durchaus erwünscht ist.

Wir gratulieren herzlich zum Melusine-Huss-Preis, danken für das interessante Gespräch und wünschen dem Verlag weiterhin viel Erfolg!

Der Verlag im Netz: Homepage I Facebook I Twitter

 

„Von der RAF in die Favela: Das Leben Lutz Taufers gleicht einer Suchbewegung, in der das Terrain der westdeutschen radikalen Linken vermessen wird. Rebellion gegen die verkrusteten Verhältnisse der Adenauer-Ära in der badischen Provinz, 1968 in Freiburg, Basisgruppe Politische Psychologie in Mannheim, Sozialistisches Patientenkollektiv in Heidelberg, Mitglied des Kommandos Holger Meins der RAF, Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm, mitverantwortlich für die Erschießung von zwei Geiseln, 20 Jahre Haft, ein Dutzend Hungerstreiks bis an den Rand des Todes, nach der Freilassung ein Jahrzehnt Basisarbeit in den Favelas von Rio de Janeiro, heute im Vorstand des Weltfriedensdienstes.

Die Bilanz seines bewegten Lebens lautet: Ohne entschiedenes politisches Handeln lassen sich die versteinerten Verhältnisse, die für die große Masse der Menschen dieses Planeten keine Perspektive bieten, nicht verändern. Genauso gilt aber: Die Mittel des Widerstands müssen am Ziel einer befreiten Gesellschaft orientiert sein. Und: Befreiung fängt an der Basis an.“ (Verlagstext)

 

  • Lutz Taufer: Über Grenzen – Vom Untergrund in die Favela. Hamburg: Verlag Assoziation A. 288 Seiten. 19,80 Euro

 

Senta Wagner

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