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Während andere Hotlist-Verlage in diesem Jahr ihren Dreißiger feiern, hat dieser Verlag ihn bereits um ein Jahr überschritten. Der Wallstein Verlag wurde 1986 von Thedel v. Wallmoden gemeinsam mit Dirk und Frank Steinhoff in Göttingen gegründet. Nachdem anfänglich der thematische Fokus vorwiegend auf der Literatur- und Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts lag, hat sich der Verlag inzwischen mit Veröffentlichungen aus einem breiten wissenschaftlichen Spektrum einen Namen gemacht. Seit 2004 verantwortet Thorsten Ahrend das Literaturprogramm. Aus dem Verlag ruft es: „Wir machen schön gestaltete Bücher, die wir wichtig finden und die uns begeistern, und sind stolz darauf, so viele tolle Autorinnen und Autoren im Programm zu haben!“

Dazu gehört auch Anna Baar seit ihrem glänzenden Debüt Die Farbe des Granatapfels. Mit ihrem zweiten Roman Als ob sie träumend gingen steht der Wallstein Verlag auf der Hotlist 2017.

Anna Baar – Als ob sie träumend gingen

Wer kann einen „großen Gesang auf das Leben schreiben“? Wir finden Anna Baar. Leidvollen Erfahrungen fast eines ganzen Menschendaseins eine bestürzend schöne Sprache der Erinnerung, des Traumwandelns und des Pathos verleihen, auch das kann sie .

Marina Büttner von literarturleuchtet hat für uns gelesen:

Da ist sie wieder, die so ganz eigene Sprache der Anna Baar. Nach ihrem Debütroman Die Farbe des Granatapfels, der mir überaus gefallen hat, halte ich nun ihren neuen, ein wenig kürzeren, aber nicht weniger intensiven Roman Als ob sie träumend gingen in Händen. Vielleicht geht die österreichische Autorin diesmal sogar noch einen Schritt weiter in der Sprache: Sie verdichtet so stark, dass man sich manchmal inmitten von Poesie befindet. Wenn es so etwas gibt, dann ist es ein lyrischer Roman. Doch auch die Geschichte selbst hat es in sich.

„Nur der Hebamme war es gegeben, in die Seele des Kinds zu sehen. An der Schwelle des Lebens, noch vor dem ersten Schrei, hat sie Klee den Finger auf die Lippen gedrückt, damit er die Weisheit der Engel nicht an die Irdischen verriete.

Da liegt einer im Fieber, der alte Klee, fantasiert im Fieberwahn. Liegt im Klinikbett, meist stumm gemacht, sediert durch Medikamente. Und dazwischen liegen die klaren Augenblicke, die Erinnerungsmomente. Immer präsent ist Lily, die Eine, die Geliebte, die er verließ und verlor. Und dann sind da all die Kriegsszenarien. Wie viele Kriege und Kämpfe kann ein Mensch überleben? Überstehen, ohne zu brechen? Klee, Bauernsohn und doch die meiste Zeit Krieger, wenn nicht Krieger, dann auf den Weltmeeren unterwegs. Auf der Flucht. Vor der Ehefrau, die die falsche ist. Und vor der geliebten Frau, die außer in seinen Gedanken, nicht mehr ist. Vor sich selbst.

„Wollte man ihm nahe sein, musste man mit in den Krieg, denn in seine Dunkelheit ließ er sonst keinen ein.“

In Gedanken an die glückliche kindliche Zeit, als der Bruder Malik und Lily und Klee auf der Heimatinsel unzertrennlich waren. Bis die Zeit der Kriege kam. Erst die Italiener, dann die Deutschen und Klee war immer bei den Partisanen dabei – Widerstand gegen die Besatzung der Heimat. Die schlimmsten waren die mit dem Totenkopf an der Uniform. Sie nahmen ihm Lily.
Klee kommt als Kriegsheld aus dem Kampf. Mit Orden geschmückt, im Denkmal der Insel verewigt. Er heiratet, bekommt ein Kind, bekommt Enkel. Glücklich ist er nicht. Etwas frisst ihn von innen auf. Als alter Mann muss er schließlich auch noch die Anfänge des dritten Krieges auf dem Balkan miterleben. Kämpfen kann er nicht mehr. Für seine Enkelin(?), die ihm nah ist, bespricht er Tonbänder, erzählt ihr seine Geschichte: „Schreib es auf“.
Man kann vermuten, dass es die Geschichte des Großvaters der Autorin ist, viel wichtiger aber ist, dass solche Geschichten erzählt werden. Und Anna Baar hat eine sprachlich besondere Literatur daraus gemacht. Mit ihrer oft altmodisch (im besten Sinn) wirkenden Erzählweise, erinnert Klees Geschichte auch an Märchen mit ihren mythischen Bräuchen und ihrem Aberglaube. Und Teile davon stammen ja vielleicht tatsächlich noch aus dem Zauberkästchen der Ahnen, aus bewahrten Überlieferungen. Eine Eigenart des Romans liegt auch in den vielen Auslassungen begründet, die die LeserInnen selbst füllen können/müssen, was ich persönlich sehr bereichernd finde. Eine große Leseempfehlung also an alle, die die Kraft der Sprache zu schätzen wissen … Ein Leuchten!

Danke an Marina Büttner!

  • Anna Baar: Als ob sie träumend gingen. Roman. Göttingen: Wallstein Verlag 2017. 207 Seiten. 20,60 Euro

Der Wallstein Verlag im Netz: Website | Facebook | Twitter

Senta Wagner

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