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Guy Delisle – Geisel

Der 1966 in Quebec geborene Guy Delisle ist einer der Protagonisten des noch recht jungen Genres der Comic-Reportagen. Seit er mit den Aufzeichnungen aus Jerusalem oder der genialen Nordkorea-Reisereportage Pjöngjang Pionierarbeit geleistet hat, haben auch andere ZeichnerInnen wie zuletzt die viel beachtete Sarah Glidden Reportagen in Comicform veröffentlicht. Sogar etablierte Tageszeitungen entdecken nach und nach die Vorteile illustrierter Reportagen.

Nun widmet sich Delisle einer Story, die nicht ihm selbst wiederfahren ist, sondern Christophe André, der Ende der 1990er-Jahre mit der Organisation Ärzte Ohne Grenzen im Norden Tschetscheniens war. Am 1. Juli 1997 wurde dieser von Separatisten verschleppt und gefangen genommen – ganze 111 Tage lang, in völliger Isolation und schmerzhafter Ungewissheit darüber, was außerhalb des Raumes, in dem er angekettet war, geschah. Dem Comickünstler hat er davon berichtet; entstanden sind sehr persönliche, beinahe intime Aufzeichnungen.
Delisle erzählt diese Geschichte als eine Geschichte des Ausharrens, des Abwartens. Der Kontext – die politische Situation in Tschetschenien, die Arbeit von MSF – bleibt dabei allenfalls ein Hintergrundrauschen, im Mittelpunkt steht Andrés Erleben. So gelingt eine oftmals beklemmende Dokumentation des Gefangenseins, geschildert aus dem Inneren des Erzählers heraus. Der Originaltitel übrigens lautet „S’enfuir“, also fliehen oder entwischen. Der Gefangene wird hier in der Tat zum Fluchttier, Freiheit zum Instinkt.
Das Lettering von Olav Korth macht die deutsche Ausgabe perfekt. Delisle-Fans können hier eine ganz neue Seite des Kanadiers entdecken; der hintergründige Humor seiner Reisen nach Shenzhen, Birma oder Jerusalem weicht einer eindringlichen, reduzierten Erzählweise, die perfekt mit Delisles klaren Linien korrespondiert. /Jana Volkmann

  • Guy Delisle: Geisel. Aus dem Französischen von Heike Drescher. Lettering: Olav Korth. Berlin: Verlag Reprodukt. 432 Seiten. 29 Euro.

 

Interview mit Filip Kolek vom Verlag Reprodukt

Warum haben Sie sich bei der Einreichung für Geisel von Guy Delisle entschieden?

Der Frankokanadier Guy Delisle ist sicherlich einer der derzeit spannendsten Graphic-Novel-Künstler weltweit und hat sich mit seinen ironisch-politischen Reisereportagen über die Jahre eine große Leserschaft erzeichnet. An seinem neuen Buch Geisel arbeitete Delisle schon seit über 15 Jahren – es erzählt die Geschichte eines französischen NGO-Mitarbeiters, der im Kaukasus verschleppt und über 100 Tage festgehalten wird. Delisle, der hier völlig mühelos das Sujet wechselt und sich als Autor neu erfindet, wagt ein grafisches und narratives Experiment. Er erzählt auf über 400 Seiten aus der Perspektive der Geisel – das Setting sind vier Wände, eine Matratze und ein Ich-Ererzähler, der immer mehr das Gefühl für Zeit und seine Umgebung verliert. Eine packende Lektüre, bei der trotz der Tatsache, dass der Leser dem Protagonisten beim Nichtstun zuschaut, keine Sekunde Langeweile aufkommt.
Für uns war das Buch auch ein spannendes Experiment: Würden die Leser, die Guy Delisle eher als augenzwinkernden Reise-Kommentator kennen, ihm auch auf diese Reise folgen?

Was ist das Besondere an Ihrem Verlagsprogramm, an Ihrer Philosophie?

Reprodukt verlegt nunmehr seit 26 Jahren grafische Literatur aus aller Welt. Der Fokus liegt dabei auf den so genannten Graphic Novels, also abgeschlossenen Comic-Erzählungen in Buchformaten. Reprodukt besteht derzeit aus einem Netzwerk von vielen freien Mitarbeitern. Für jeden Einzeltitel gibt es einen freien Herausgeber, der die entsprechende Buchproduktion weitestgehend betreut, also die verschiedenen Arbeitsschritte delegiert und beaufsichtigt: angefangen mit dem Ankauf der Lizenzrechte über die Übersetzung, das Lettering und die Herstellung bis zur Prüfung der Blaupausen. Die Comics entstehen in enger Zusammenarbeit mit den Zeichnerinnen und Zeichnern, die für die deutschsprachigen Ausgaben ihrer Arbeiten neue Cover anfertigen. Auf sorgfältige Übersetzung und gute Ausstattung wird großen Wert gelegt.

Was bedeutet für Sie unabhängiges Verlegen? Darf es weitergehen wie bisher?

Comics sind in Deutschland – trotz der immer positiveren Resonanz – ein deutlicher Nischenmarkt, und das Feld, das Reprodukt beackert – also hochwertige, literarische Comicbücher – sind eine Nische in der Nische. Es ist also immer Luft nach oben … Auf der einen Seite ist es schön als unabhängiger Verlag, dass man nicht nur in kommerziellen Kategorien denken muss, sondern auch riskante Entscheidungen treffen kann, aber wir würden uns natürlich freuen, wenn Comics mehr Einzug in den Buchhandel finden. Wenn man träumen darf, dann würde ich mir eine Welt vorstellen, in denen Comicbücher nicht in Comicecken gebündelt, sondern je nach Genre und Autor zu allen anderen Büchern in die Regale sortiert werden.

Danke an Filip Kolek für das Gespräch! Wir wünschen dem Verlag weiterhin viel Erfolg.

Senta Wagner

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