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Fortsetzungsgespräch mit der österreichischen Schriftstellerin Teresa Präauer. Wir haben schon und wir reden immer noch über alles: Literatur, Kunst, Schreiben, Lesen, Trash, Nagelstudios, Vögel, Liebe und Hass.

Hier gehts zur ersten  und zweiten Fragestunde.

(4) … lenkte den Blick auf das künstliche Fell, Fake Fur, das wir uns um die Schultern legen. Künstlichkeit ist für mich ein wichtiger Begriff, Künstlichkeit, in der etwas Anrührendes, Wahrhaftiges, Tölpelhaft-Ehrliches aufblitzt. Nicht durchschimmert, das wäre bereits eine Gewichtung, nein, ich denke, dass innerhalb des Zitathaften etwas Authentisches steht und steckt und zu finden ist. In dieser Kombination schillert etwas.

(5) Warum bekleiden wir uns also mit Kunstfellen? Mir scheint, Künstlichkeit zieht sich durch dein Werk. „Literatur, mein Fake Fur.“ Magst du noch näher auf deine Poetik eingehen? Du trägst ja auch, wenn es zu deinen Textperformances passt, künstliche Nägel.

Vor Jahren hörte ich einmal Andrea Roedig im Radio sprechen über ihren damals neuen Essayband Über alles, was hakt. Welch schöner Titel! Sie schildert darin ihren ersten und einzigen Gang ins Nagelstudio – als Anlass für ein vielleicht kulturwissenschaftliches Nachdenken über Farbe, Plastik und Körperschmuck. Ich hab mir das Buch gekauft, las es und war etwas enttäuscht, dass sie sich nur einen Nagel hat machen lassen, das erschien mir beinah inkonsequent. Dennoch, zwischen Büchern, Nagelstudios und Fitnessräumen tun sich Aspekte auf, Möglichkeiten, Daseinsformen, ästhetische Ausdrucksweisen, sofern die Unterschiede nicht arrogant gezogen werden. Mich interessiert das alles wirklich, es zieht mich an, es kotzt mich sozusagen an, und ich stelle dazu Überlegungen an. Ich glaube, dass Künstlichkeit und Authentizität enger miteinander verwoben sind, als die begrifflichen Kategorien es uns vorgeben. Ich werde ein paar meiner Texte darüber zusammenbinden, um mir selbst darüber klarer zu werden. Danach, nach einer solchen Publikation, kommt etwas ganz anderes; damit die poetischen Proklamationen eben nicht zu einem Manifest werden, sondern alles sich noch ein paar Mal dreht und wendet, so jedenfalls der Wunsch.
Zum Performativen noch: Ich kann ein Sprechen im Raum nicht anders denken als als Performanz.
Also mit Blick auf die Situation, in der wir uns alle befinden, hier und jetzt. Der gesprochene Text ist etwas anderes als der, den man still für sich liest. Man muss sich ein paar gute Interpreten anhören vielleicht, Anne Sexton zum Beispiel hat unglaublich gut gelesen. Ich bin dennoch froh, dass es für das Lesen von Literatur erst einmal nichts braucht als einen einzelnen schweigsamen Menschen, es bedarf keiner sogenannten Kommentarfunktion. Sobald der Text akustisch wird, kann man aber darüber nachdenken, was möglich ist. Eine Lesung ist eine Interpretation des geschriebenen Textes. Je mehr ich allerdings von Leseperformances umgeben bin, desto eher habe ich genug davon. Oder: ein überperformter Text kann eine ziemliche Qual sein beim Zuhören. Oder wenn durch jeden x-beliebigen Text das gleiche Sprechstakkato samt Hip-Hop-Hand gezogen wird und sich die Hülle vom Inhalt löst und davonfliegt.

 (6) Du hältst Vorträge, schreibst für zahlreiche Medien (z. B. Zeit online, Volltext) und bist auf Lesungen unterwegs. Wo ist die Zeit für das literarische Schreiben? Welche Räume bzw. Voraussetzungen brauchst du? Arbeitest du an einem neuen Roman?

Eigentlich mache ich das alles nicht, haha. Aber dann gibt es Einladungen, die mich zu sehr interessieren, die zu freundlich formuliert oder die zu gut bezahlt sind. Letzteres ist gelogen, zweiteres bekomme ich noch in Griff. Die »Volltext«-Kolumne übers »Videostreamen im Internet« ist nicht gut bezahlt, aber sie ist meine liebste Nebenbeschäftigung. Ich brauche die Gewissheit, machen zu können, was ich will, ohne dass mir jemand dazwischenfunkt. Der Vorteil an Print ist sein Gewicht bei gleichzeitigem Recht auf Vergänglichkeit. Abgesehen davon finde ich diese Zeitschrift einfach sehr lesenswert.

Wo ist die Zeit für das literarische Schreiben, fragst du? Die knapperen Texte sind allesamt literarische Texte, die Teil meines Werkes sind, so sehe ich das und danach wähle ich aus, was ich annehme oder ablehne. Es sind häufig dieselben Themen und Motive, die ich durchspiele und die sich im Schreiben verändern. Oder meine Sicht auf die Dinge verändert sich im wiederholten Aufgreifen. Vieles hat mit der äußeren Erscheinung der Dinge zu tun, an deren Oberfläche sich ihr Wesen zu erkennen gibt – so lautet zumindest die Arbeitsthese. Standbilder, viel eher Standbilder als Bewegtbilder. Kindheit und Jugend sind ein Thema, das sich wiederholt, konkurrierende Freundschaft, Zwillingshaftigkeit. Und, unterschwellig, Formen von Sexualität, Formen von Gewalt. Ironie, Überdrehtheit, Heiterkeit, Melancholie. Welche Räume und Voraussetzungen brauche ich? Okay, ganz klar: Als Raum bevorzuge ich meine Wohnung, Stille oder das Radioprogramm, keine Telefonanrufe, manchmal zum Korrekturlesen kann es auch ein Lokal sein. Das nächste, was jetzt fertig werden muss, ist ein Monodrama für das Schauspiel Frankfurt. Der Schimmi ist noch allzu frisch, Herbst 2016, ich war seither ständig auf Lesungen, meinen eigenen nämlich, und ich wünsche mir, dass auch er auf die Bühne gebracht wird und jemand anders diesen Part übernimmt.

Fortsetzung folgt!

 

  • Teresa Präauer, geboren 1979, ist Autorin und bildende Künstlerin und lebt in Wien. Sie studierte Malerei und Germanistik in Salzburg, Berlin und Wien. Und schreibt regelmäßig für Zeitungen und Magazine zu Theater, Kunst, Literatur, Mode und Pop. Ihr Roman Für den Herrscher aus Übersee wurde mit dem aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt ausgezeichnet. 2014 erschien der Künstlerroman Johnny und Jean, 2016 der Roman Oh Schimmi (alle Wallstein Verlag). Nicht zu vergessen die Taubenbriefe von Stummen und anderer Vögel Küken (Edition Krill), dreißig Karten „zum Versand in alle Welt geeignet“. Im Dezember 2017 erhält sie den Erich-Fried-Preis. Der heurige alleinige Juror Franz Schuh begründet seine Entscheidung: „Man lernt durch Präauer die Widersprüchlichkeit des Phänomens Kunst von neuem kennen, seine soziale Verankerung, die internen und externen Praktiken, das Sehnsuchts- und Enttäuschungspotential, das nicht zuletzt alle Versuche motiviert, „von der Kunst zu leben“. Präauers Form der Darstellung ist nie belehrend, nie definitorisch oder kommentierend.“

 

(Foto Teresa Präauer © Thomas Langdon )

Senta Wagner

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