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Genau genommen ist Brotsuppe eine einfache, unprätentiöse Suppe. Eine alltägliche Suppe war sie in Zeiten der Armut. Beheimatet scheint sie heute noch überall zu sein. Nur welches Brot macht die gute Brühe?

Ursi Anna Aeschbacher kam 2003 auf den Geschmack. Sie nahm sich der Güte des Gerichts an und gründete in Biel den verlag die brotsuppe mit den Worten: „… wie eine gute Brotsuppe im Gegensatz zu einer schlechten dabei hilft, sich zu begegnen, die Welt zu «begreifen», Wissen weiterzugeben, sich zu erinnern, zu debattieren, zu denken, sich auszudrücken, zu streiten, das Leben in die Hand zu nehmen, mit anderen etwas daraus zu machen, sich zusammen etwas auszudenken, zu verändern, Abenteuer zu erleben. Und was anderes machen Bücher?
Also dachte ich, einer gut gekochten Brotsuppe folgt, was ein Verlag nach der Veröffentlichung seiner Titel auch gerne haben möchte. Und der Name glitzert und funkelt nicht so, wie heutzutage alles glitzert und funkelt.“

Aeschbacher ist mit dem Verlag in ihrem Element: Seit bald fünfzehn Jahren bleibt alles in den Händen der Grafikerin, Illustratorin und Lektorin. Selbst als Autorin ist die Allrounderin tätig. Glitzer mag man ja nicht, aber ein kräftiger, bunter Farbauftrag auf den Umschlägen ist charakteristisch für den sympathischen kleinen Verlag. Im Programm steht die Belletristik, auch Übersetzungen („Wendebücher“, schweizerdeutsch/hochdeutsch), an erster Stelle mit einem Sammelsurium an Formaten (Romane, Erzählungen, Chroniken, Texten zu Sprache und Heimat). Zu den Autorinnen und Autoren zählen zumeist Schweizer, darunter bekanntere Namen wie der brillante französischsprachige Schweizer Romancier Jean-Luc Benoziglio und der Krimiautor Massimo Carlotto. Zu entdecken gibt es auch philosophische Bücher und Bilderbücher für Kinder.

images_8bpfgw8jskru6emq_mDie Pürin

Weil wir Schnee mögen, hat es uns ganz besonders das schmale Buch von Noëmi Lerch mit dem mundartlichen Namen Die Pürin und der Schneelandschaft vorne drauf angetan. Das Buch stand auf der Shortlist für den Rauriser Literaturpreis 2017.

Die Pürin ist eine Bäuerin und das Buch die Geschichte einer Emanzipation. Sie ist nicht wie gesetzlich festgelegt die Frau des Bauern, sondern selbst der Bauer – selbst ist die Frau. Die Lebenswelt ist eine vermeintlich idyllische, den Atemrhythmus geben die Jahreszeiten vor: Herbst, Winter, Frühling, Sommer und wieder Herbst. Jetzt ist es eine zarte Geschichte vom Werden und Vergehen.
Im Zwiegespräch mit der Pürin ist die junge Ich-Erzählerin, die in den Bergen die Großelternvilla aufsucht. Dort in der Einsamkeit und Härte der Natur, bei der Stallarbeit mit der Pürin, bei den Tieren, den Dingen, im Tal und im Dorf erzählt sie ihre Geschichte von Verlust und Erinnerung. Tiere waren ja schon immer gute Zuhörer. Die Sprache der Erzählerin kann auch von jedem verstanden werden, sie ist betörend elegant, zeitlos und schlicht.
Die Großmutter und ein Du sind nicht mehr da, die doppelte Abwesenheit vermischt sich in dem Gedenken der Erzählerin, das sie zugleich so greifbar macht, als wären sie da. Auch der Großvater spukt irgendwo herum und die Pürin hat ja auch noch was zu sagen. Ein reiches Buch – wie eine Umarmung.

  • Noëmi Lerch: Die Pürin. Biel: verlag die brotsuppe 2017. 80 Seiten. 19 Euro

 

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„Eine Hütte am Rande einer kargen Ebene. Im Innern der Hütte ein Kessel. Am Kessel eine junge Frau, sie rührt mit der Harfe die Milch. Wenig Licht kommt durch das Fenster, wo eine ältere Frau im Offiziersmantel steht und raucht. In dieser Stille die beiden Frauen, deren Leben kaum unterschiedlicher sein könnten. Die Ältere hat eine erfolgreiche politische Karriere hinter sich, wurde aber durch einen Schicksalsschlag jäh aus der Bahn geworfen. Die Jüngere umsorgt einen kleinen Hof und zwei Kinder, während ihr Mann den Sommer über mit den Schafen unterwegs ist. Trotz ihrer Verschiedenheit sind die beiden Frauen durch das vielleicht stärkste Band aller menschlichen Beziehungen verbunden. Sie sind Mutter und Tochter.
Eines Morgens setzt sich eine Krähe auf den Fenstersims, und die Mutter beginnt zu erzählen, von den Hühnern, der Sprache der Tiere, den Ahnen. Aber die Tochter unterbricht sie: »Bevor Du mir mit den Ahnen kommst, Mutter,sag mir erst einmal, was aus mir geworden ist.« Die Krähe verschwindet, draussen beginnt es zuschneien. Eingeschlossen in der kleinen Hütte versuchen die beiden ihre auseinandergebrochenen Biografien wieder zusammenzusetzen. Statt der Wahrheit erfinden sie Geschichten, die zwischen Emanzipation und dem Verharren in alten Rollenbildern einen neuen Sinn erschaffen.“ (Verlagstext)
  • Noëmi Lerch: Grit. Biel: verlag die brotsuppe 2017. 120 Seiten. 20 Euro. Erscheint im Frühjahr 2017

 

Senta Wagner (sentafoto)

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