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rundt_marylin_cover_web-83838fd9Amerika ist anders. Alle Augen und Ohren sind zur Zeit dort. Amerika ist anders ist auch der Titel des Amerika-Buches von Arthur Rundt, der das Land vielfach bereiste und bereits 1926 sezierte. Rundt (1881–1939) war ein schreibender Tausendsassa, ein heute „weitgehend in Vergessenheit geratener Feuilletonist, Dramaturg, Reiseautor und Kritiker“.
Als Schatzkammer der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts hat sich die Edition Atelier mit Autoren wie Lina Loos, Joseph Roth, Felix Dörlemann und Dorothea Zeemann bereits verdient gemacht. Jetzt ist dort Marylin von Arthur Rundt erstmalig in fester, schöner Buchform erschienen. 1928 wurde der Roman als Fortsetzungsgeschichte in der Neuen Freien Presse abgedruckt.

Marylin

Land der Verheißung. Land der unbegrenzten Möglichkeiten. American Dream. Aber auch Working Poor. Den Vereinigten Staaten hängen seit jeher Labels und Gesinnungen an, wie, nicht zuletzt, die machtvolle gesellschaftliche und räumliche Trennung eines Landes in weiß und schwarz. Was man seit mehr als fünfzig Jahren für überwunden glaubte, scheint in heutiger Zeit virulenter denn je. Anders hierzulande: Längst sind nicht diskriminierende Sprechweisen in Gebrauch und hat man sich dem Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung verschrieben.

Jede oder jeder ist das Kind seiner Zeit. Auch Marylin und all die anderen Figuren aus Arthur Rundts Roman Marylin, der in den 1920er-Jahren angesiedelt ist. So wirkt das Sittenbild aus dieser Zeit regelrecht befremdlich, hölzern und lässt doch tief in die damalige amerikanische Seele blicken. Man führt hier leichthin das Wort Neger im Mund. Das Chicagoer Leben des blutjungen und elternlosen „Bureaumädels“ Marylin läuft im Takt der sechstägigen Arbeitswoche, in der es keine Schlenker und Versuchungen gibt. Sie wusste nichts „von einem Verhängnis jenseits von Schuld und Unschuld“. Sie wird deutlich als Weiße gezeichnet, dennoch ist ihre ethnische Herkunft unklar. Hier legt der Autor und Journalist Rundt das Geheimnis um Marylin an. An ihre Fersen heftet sich der aufstrebende Architekt Philip, freilich dezent lästig, aber willensstark. „Für seine Beziehung zu Marylin wäre es nicht ganz treffend, das Wort „Liebe“ zu gebrauchen. Er hatte einfach einen Entschluß gefaßt.“

Marylin will aber weder von Hochzeit, geschweige denn von Kindern etwas wissen. Ihr Widerstand zwingt sie zu zwei Städtefluchten, ihr Roadtrip bleibt aber ohne Erfolg, am Ende landen beide in New York. Beflügelt durch die Freundschaft mit einem anderen Paar, die Frau eine scheinbar emanzipierte Französin und Kennerin des savoir vivre, macht sich eine „mühsam erarbeitete Idylle“ breit. Dem Nachwort zufolge klingen nun eine „Reihe zeitgenössischer Diskurse“ an. Auch finden die ersten schwarzen Musiker des Jazz Age und schwarze Boxer Anerkennung. Dennoch bleibt eine Fremdheit zwischen Marylin und Philip, ihr innerer Kampf bleibt ihm verborgen. Zu Akten der Bewusstwerdung sind beide nicht in der Lage. Rundts Sprache, aus unserer Sicht altmodisch, trifft den Ton: Diese ist fast ätzend sachlich, grob gearbeitet, ohne Sentiment, die Sätze sind oft unverbunden und unvollständig. Auch nach der Geburt des dunkelhäutigen Kindes schafft es Marylin nicht, ihre Herkunft als Tochter einer Schwarzen preiszugeben. Philips Unwissenheit und zornige Reaktion fordern schließlich ihren Tribut.

 

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Arthur Rundt (© KHM-Museumsverband)

  • Arthur Rundt: Marylin. Roman. Hg. und mit einem Nachwort von Primus-Heinz Kucher. Wien: Edition Atelier 2017. 148 Seiten. 18 Euro. Auch als E-Book

 

 

Senta Wagner

(Kurzfassung erschienen in der Buchkultur 170, sentafoto)

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