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Hotlist Logo 2016Eine Kindheit endet „unversehens an einem gewöhnlichen Frühsommertag des Jahres 1991“. Eine Kindheit im jugoslawischen Pula, voller Schabernack und Unbeschwertheit. Für den 11-jährigen Vladan gerät an dem Tag „etwas ganz böse durcheinander“. Dieser weitreichende Störfall bildet den Auftakt des Romans Vaters Land des slowenischen Jungautors Goran Vojnović, seines ersten in deutscher Übersetzung. Gleichzeitig werden Spuren eines drohenden Unheils ausgelegt und ein Erzählton angeschlagen, der changiert zwischen temperamentvoll, tragikomisch und zutiefst nachdenklich. Erlebter Verlust kann nur im Rückblick als Identitätsstiftung und Bewältigung wirksam werden. So ist dieser Roman auch als persönlicher Erinnerungsroman zu verstehen, der in der kühnen wie aussichtslosen Jagd nach dem Vater seine Kraft entfaltet. Die Einberufung von Nedeljko Borojević, General der jugoslawischen Volksarmee, ist für die Familie ein Schock, sie muss Pula verlassen. Vladan wächst vater- und heimatlos auf, schließlich erklärt seine Mutter Duša Nedeljko für tot. Die emotionale Bindung des Sohnes zu seiner Mutter, von ihm „Terminator-Mutter“ genannt, die irgendwann vergisst, „sich um ihn zu kümmern“, löst sich rasch. Eine echte Familie wird er nie haben, sie bleibt eine Leerstelle in dem Roman, die es zu füllen gilt, und Einsamkeit eine prägende Erfahrung. Auf spitzfindige Weise spielt der Autor dabei auch mit dem Begriffspaar Muttersprache und Vaterland bzw. Vaters Land und der Frage, wo Zuhause ist.

Goran Vojnović (Foto: © Tina Deu)

Goran Vojnović (Foto: © Tina Deu)

Zehn glückliche Jahre zählt der Erzähler also in seinem Leben, inzwischen ist er Ende zwanzig, lebt in Ljubljana, führt seine Beziehung zu Nadja als „Selbstverständlichkeit“, studiert schlaff vor sich hin, es gibt ein Europa der Versöhnung, die mörderischen Sezessionskriege auf dem Balkan, „irrsinnige Bruderschlachten“, sind passé. Und doch sind die Konflikte es nicht. Etwas ist kaputt. Eine ganze unschuldige Generation ist erwachsen geworden und Erfahrenes durchdringt auf die eine oder andere Weise deren Lebenswelten. Vladan trifft es besonders hart und ein weiteres Mal „unversehens“. Über eine Googlesuche erfährt der Sohn: „Mein Vater ist nicht tot. Aber dafür ist er ein Kriegsverbrecher.“ Das „ziellose Umherirren durch das eigene Leben“ bekommt plötzlich ein Ziel. Die Suche Valdans nach dem Vater beginnt, sie erstreckt sich in 29 Kapiteln über lange verästelte grandiose Erzählpassagen, die grundsätzlich auf Spannung und Komplexität ausgelegt und mitunter verknüpft sind durch zackige Schnitte. In diesen wird sprachlich ebenso unerschrocken, zynisch wie herzlich lakonisch das weite Feld einer mehrgenerationalen Familiengeschichte aufgemacht, die von Traumata im Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht. In den einzelnen Kapiteln geht es hin und her, vor und zurück, so vervollständigt sich zunehmend das Bild von Vladan als eines gebrochenen Charakters und eines zerstörten Landes. Gehts mit zu viel Schwere und Pathos im Erzählen dahin, treten an deren Stelle lebhafte, auch derbe Dialoge gepaart mit einer lockeren Handhabe von wüsten Beschimpfungen und Volksliedzitaten im Original. Die Übersetzungen aus dem Serbokroatischen oder Bosnischen sowie Personenhinweise finden sich in einem Anhang. Der Vielvölkerstaat Jugoslawien brachte nicht nur eine Sprachen- und kulturelle Vielfalt mit sich, sondern seit jeher Interessens- und Mentalitätskonflikte sowie ein Beharren auf Zugehörigkeiten und dem Trennenden zwischen den einzelnen Teilrepubliken. Neben Gräueltaten sind es die kleinen Scharmützel, die der Erzähler immer wieder in den Blick rückt.

No subject

Vladans bis dato ausgeblendete Vergangenheit – nicht einmal Nadja hat er davon erzählt – kommt nach und nach mit Wucht an die Oberfläche und stürzt ihn in ein Gefühlchaos: Trauer, Schmerz, Schuldgefühle: „Mit jedem neuen Kapitel taten sich noch mehr Fragen auf, und ich wurde vor ihren Augen zu einem immer größeren Unbekannten.“ Die größte Not scheint die Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber der losgetretenen Situation zu sein. Naiv im Glauben ist er, einfach einen in Den Haag angeklagten Kriegsverbrecher aufzuspüren. Die Suche führt in Sackgassen, Informanten mauern und schweigen. Freilich, die Eliten schützen sich selbst. An diesem System rüttelt der Autor mit seinem auch politischen Buch. Vladan fragt sich, was er von seinem Vater will. Wie wird er mit ihm umgehen, wenn er ihn trifft? Will der kleine Sohn den Vater zurück oder ist der Hass auf den Kriegsverbrecher stärker? Eindrücklich lotet der Autor das Hin- und Hergerissensein seines Protagonisten aus und zeigt wie Verdrängtes eine Sprache findet. Jeder Krieg hat seine Geschichten von Opfern und Tätern, und die heißt es, immer wieder zu erzählen. Goran Vojnović hat mit Vaters Land einen immens wichtigen und mutigen literarischen Beitrag geleistet.

  • Goran Vojnović: Vaters Land. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Wien/Bozen: Folio Verlag 2016. 256 Seiten. Auch als E-Book.

Hier gehts zum Hotlistinterview mit dem Folio Verlag.

Senta Wagner

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