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Für jedes Buch gibt es den richtigen Augenblick. Ich weiß nicht, wie oft ich den Satz schon geschrieben habe. Und doch werde ich nicht müde, ihn aus der Schublade meines Wortschrankes hervorzuziehen, wenn er perfekt passt – wie in diesem Falle. Mir ist Winternovellen der jungen Norwegerin Ingvild H. Rishøi bereits mehrfach begegnet. Und nach der Bekanntgabe der Hotlist 2016 war er also da, der richtige Augenblick. Winternovellen zählt in diesem Jahr zu den besten zehn Büchern aus unabhängigen Verlagen. Und ich freue mich sehr darüber, weil es dort einfach hingehört.
Bevor das Buch ins Deutsche übersetzt und vom Open House Verlag liebevoll gestaltet und herausgebracht wurde, erhielt es 2015 bereits den norwegischen Buchblogger-Preis. Ein Jahr zuvor durfte sich die 1978 in Oslo geborene Autorin über den Kritikerpreis für das beste Buch des Jahres und den Brage-Preis für den besten Erzählungsband freuen. Auch für ihre Kinderbücher erhielt die Autorin Auszeichnungen.

Das kleine Buch enthält drei Novellen – traurige und zutiefst berührende Geschichten, denen ich in einem Rutsch folge und nicht aufhören kann zu lesen. Wie zerbrochenes Porzellan liegen die Ich-Erzähler auf dem kalten Boden des Lebens. Sie lassen mich an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben, ziehen mich mit auf den dunklen Pfad der Nacht.
Es schnürt mir das Herz zu, wenn ich in der ersten Geschichte die verzweifelte Mutter mit ihrer kleinen, klugen Tochter beobachte. Das Mädchen hat sich in die Hose gemacht. Draußen ist es kalt, sie wollen nach Hause und müssen noch Fahrscheine kaufen. Die Erzählerin hat wenig Geld und zählt jede einzelne Krone ab. Plötzlich bettelt sie ein junger Mann an. Sie verneint und geht mit Alexa weiter. Ihre Tochter fragt sie: „Warum haben wir ihm nicht mit etwas Kleingeld helfen können?“ Sie entgegnet später: „Wir können nicht jedem helfen.“ Doch Alexa hält dagegen und sagt voller Verzweiflung: „Aber er hatte doch keine Hand!“, sagt sie. „Hast du das nicht gesehen?“ Sie schüttelt den Kopf. Jetzt dreht sie durch, auf ihre ganz eigene Hand. „Er hatte keine Hand?“ „Nur eine! Siehst du denn gar nichts, Mama?“

Das wundersame Mädchen berührt mich, treibt mir Tränen in die Augen, wie die ganze Geschichte, die hier noch nicht zu Ende erzählt ist. Fast übersehe ich die kunstvollen Satzkonstruktionen, aber nur fast. Lange Sätze berühren kurze und alles ergibt einen wunderschönen Rhythmus. Sie führen Bilder vor die Augen der Leserin und versprühen Stimmungen, meist winterkalte, fröstelnde und bisweilen tragisch-schöne.

Es bleibt Zeit, um durchzuatmen und zu staunen, auch die beiden weiteren Geschichten zu entdecken, die ebenfalls faszinieren.
Nicht alles wird darin gesagt, einiges bleibt in der Schwebe oder klärt sich erst zum Schluss. Das treibt mich zunächst in die tobende Ungeduld, doch ich höre alsbald auf, mich von meiner Neugier mürbe machen zu lassen. Gerade das Verschwiegene verleiht den einzelnen, dicht geschriebenen Novellen eine enorme Spannung. Sie erinnern mich an Schneekristalle, an denen Autos vorbeiziehen und sie zum Zittern bringen.

Die drei Novellen lassen in mir ein Bild aufgehen: An einem Wintermorgen liegt weißer Raureif auf den Fensterscheiben, Atemwölkchen steigen von den Gehsteigen nach oben. Wie durch Milchglas kämpft die Sonne ihre schwachen Strahlen durch einen zarten Nebelschleier auf unsere kalten Köpfe. Der Mut liegt noch unter der Bettdecke, das Gleichgewicht ist noch nicht ganz da, ein wenig benommen läuft man ins Bad und kommt langsam zu sich. Genauso entwickeln sich die drei Geschichten. Anfangs dominieren Ängste und Unsicherheiten, doch im Laufe der Zeit passiert etwas mit den Menschen. Nicht nur mit ihnen, und das ist das Großartige: Um sie herum tauchen helfende Hände auf, die sie aus der Finsternis herausziehen und uns die verlorengegangene Hoffnung zurückbringen. Das sind ganz erstaunliche, wundervolle Momente, die ich in aller Stille genieße.
So zieht ein märchenhaftes Glitzern durch das aschgraue Treiben der Geschichten, vertreibt die Schatten der Nacht. Und legt eine wohlige Wärme auf die kalten Augen der Leserin. Das ist wunderbare Literatur, vor der ich mich verneige und der ich noch weitere Leser wünsche, die im richtigen Moment auf dieses Buch stoßen.

Simone Finkenwirth (Klappentexterin)

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  • Ingvild H. Rishøi: Winternovellen. Aus dem Norwegischen von
    Daniela Syczek. Leipzig: Open House Verlag 2016. 192 Seiten. Leineneinband, farbiges Vorsatzpapier, Prägung, Lesebändchen.
    19,50 Euro. Auch als E-Book

Der Beitrag von Klappentexterin erschien zuerst bei den famosen Kolleginnen von „We read Indie“.

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Ein Kommentar zu “Hotlistlesen (3) – Winternovellen von Ingvild H. Rishøi

  1. Pingback: Hotlistlesen (3) – Der Open House Verlag | Der Hotlistblog

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