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„Eine gewisse Virtuosität im Begründen seiner Haltung scheint zu belegen, wozu der Müßiggänger in Wirklichkeit fähig wäre, wenn er sich auf anderem Gebiet gleichermaßen verausgaben würde.“
Kurt Aebli, Der Unvorbereitete

Foto: (c) Ayse Yavas

Foto: (c) Ayse Yavas

Der Name Kurt Aebli ist für mich mit dem Buch Küss mich einmal ordentlich verbunden, das 1990 bei Suhrkamp erschien. Ich sah den Titel immer in den nach Autorenalphabet sortierten Buchhinweisen auf den letzten Seiten der suhrkamp taschenbücher (die den Fleckhaus’schen Purismus leider abgelegt haben, aber vielleicht musste es sein), er hielt dort heimliche Zwiesprache mit H. C. Artmanns How much, schatzi?, das kurz darunter stand.

Aebli, der immer geneigt scheint, lieber keine Worte zu machen, sagt etwas: über den Menschen als menschenscheues Wesen, über die Komik seines Strebens, über die absurde Sonderbarkeit des modernen Lebensstils, über die heilende Wirkung der in sich runden, kompakten Natur auf das immerzu erodierende komplizierte Ich und vieles mehr. Er tut dies auf eine ansprechende, kunstvolle Weise, der etwas nüchtern Heiliges nicht fremd ist (ohne dies freilich auszustellen), wobei das vielleicht verdächtig erscheinende Attribut „ansprechend“ buchstäblich zu verstehen ist: Er wendet sich an Dich, Leser.

Wer der Einladung dann folgt, wird sogleich feststellen, dass sich bei der Lektüre eine Lauterkeit Bahn bricht, die befreiend und entgiftend wirkt.

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Der Unvorbereitete

„Die Felder sind gefroren, doch verbreitet die Sonne einen warmen Glanz.“
Kurt Aebli, Der Unvorbereitete

Der Unvorbereitete, keiner Gattung ausdrücklich zugewiesen, kann einigermaßen zutreffend als Erzählung bezeichnet werden. Das rund 130 Seiten umfassende Buch ist in drei Kapitel gegliedert.

Deren erstes und letztes sind aus zahlreichen Prosa-Abschnitten gefügt, Beobachtungen und Reflexionen, Mitschriften des Alltags, durch die Augen der eher misanthropischen Hauptfigur gesehen, eines einsamen Spaziergängers, Gregor Wellenberg, der hier seinen zweiten Auftritt hat, Aebli-Leser kennen ihn schon aus Der ins Herz getroffene Punkt (2005).
Man liest von Autofahrern
Zeitrastern
Haustieren „als Äquivalent für menschlichen Anhang jeder Art“
von Stille und Ruhestörung
von der Abneigung, Befehle zu erteilen oder auszuführen und nimmt vor allem teil am aufmerksamen Beobachten und feinstofflichen Denken des mönchischen Skeptikers Gregor, der im beschaulichen Rhythmus seiner Wanderbewegungen über die Welt nachdenkt und Innenschau hält.

Das mittlere Kapitel besteht aus drei numerierten Teilen und weist einen deutlicher erzählerischen Ton auf:

„Es ist Dienstag, siebter Februar, kurz nach zehn Uhr vormittags, der Zug kommt mit Verspätung.“

Gregor nimmt sich hier nicht so stark als Selbst wahr, sondern als Selbander – mir fällt kein gebräuchlicheres Wort ein –, denn nun gibt es auch eine „sie“, die an seinem selbstgenügsamen oder eigenbrötlerischen Lebensentwurf kratzt. Das hat dann noch einmal eine andere Qualität, als auf das „Kältegefühl“ im Winter zu achten, dem Hund, Hahn und Mensch gleichermaßen ausgesetzt sind, oder darauf, dass „die Blätter der Bäume auf dem Friedhof“ die Farbe gewechselt haben und ebenso der „Lärm der Stadt“.

Der Erzählfaden wird meist kurz abgerissen, vor allem zum Schluss hin nehmen die „Prosamen“ (Robert Gernhardt) oft nicht einmal eine halbe Seite ein. Der Leser soll nicht umgarnt oder eingelullt werden, sondern erhellt. Der Worte sind gerade so viele, wie es braucht, nicht mehr. Darin zeigt sich eine Ökonomie der Mittel, die Witz hat, ohne spaßig zu sein. Der Stil sitzt, und er trifft.
Aebli kommt seinen möglichen oder tatsächlichen Vorbildern sehr nahe (Kafka, Benjamin, Brecht und – großer Zeitsprung – Bashô; auch Handke könnte man nennen, wenn man sich dessen Verstiegenheit wegdenkt.

Mehr soll gar nicht verraten werden, außer vielleicht dies, dass der belebende oder berauschende, aber auch an ihm reißende, Zustand des Verliebtseins Gregors strenge Aufrichtigkeit noch schärft:

„Einer Zusammengehörigkeit, die nicht täglich mit ganzer Hingabe erneuert wird, sondern umgewandelt in ein Recht, steht die Entlarvung als Hybris umgehend ins Haus.“

Ein hervorragendes Buch.

Es wäre zu wünschen, dass es, zusätzlich zum schönen Hardcover (Gestaltung: Marcel Schmid), auch eine Taschenbuchausgabe gäbe. (Meinolf Reul)

Kurt Aebli, Der Unvorbereitete. 136 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009. 17,00 Euro (= Sammlung Urs Engeler Editor, Band 78)

Übernahme von indiebook.de (gekürzt).

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