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Nun sind wir doch tatsächlich bei einem unserer Spaziergänge im Bücherwald wieder beim Haus von Jung und Jung angelangt und legen dort eine Rast ein. Noch fällt kein Laub, trotzdem rascheln hier wie anderswo bereits die ersten Herbstneuerscheinungen.
Mit dem Prosadebüt Wir ohne Wal der 1985 geborenen Österreicherin Birgit Birnbacher haben wir es am Ende des Tages richtig fein und fein gehabt. In der Luft schwebend geht es weiter. Die Autorin erhält für ihr Buch den Literaturpreis 2016 der Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler.


Mit Walen hat es etwas Besonderes auf sich, auch in der Literatur. Dort gibt es mindestens einen berühmten Repräsentanten (Jung und Jung setzt auf Wale, hier gehts zum Buch!). Die Verbindung zwischen Mensch und Wal ist eine mythische, der Wal ist alles zugleich, Ungeheuer, Brennstoff, Gejagter, possierlicher, singender Riese. Vielleicht bekommt er irgendwann einmal einen Weltpark, wo er rundum geschützt ist. Vor allem aber steht er für eine schwer zu bestimmende Sehnsucht des Menschen.
In den Geschichten von Birgit Birnbacher ist er Teil eines Kunstprojekts. Die Vorstellung, wie es aussieht, wenn etwas riesenhaftes Weißes mit den Wolken fliegt, ist schön, ruhig, ungreifbar in seiner Einfachheit. Es zeigt sich, verschwindet, geht mit den Winden.
Mit Bewunderung liest man, wie in dem zündenden Erstling von Birgit Birnbacher dieser Wal durch den Erzählraum flottiert – einem Ort voller versehrter, rastloser, bezaubernder junger Menschen, die so schwer mit sich und ihrem Leben beschäftigt sind, dass sie die Installation kaum wahrnehmen. Trotzdem macht sie etwas mit ihnen.
Birnbacher ist bereits als versierte Erzählerin in der kürzeren Prosaform unterwegs, präzise und überraschend knüpft sie die engen und losen Verbindungen zwischen den zehn dichten Porträts, die jeweils in der Ichform einer Figur geschrieben sind: einer Ella, Eve, Sanela, eines Lautsprechers oder einer mit B. abgekürzten Person (Birgit?). Roman beschreibt die Gattung eher weiträumig. Es sind Momentaufnahmen im Hier und Jetzt, en gros kreisen sie um Sinnstiftung, allerhand Nöte, Schlimmes, Drogen, psychische Störungen. Die Sprache der Autorin lotet genau aus: Sie ist dringlich, sinnlich, atemlos, ein Stakkato der Vorwürfe, der Empörung, der Verzweiflung, aber auch der leisen, nachdenklichen Töne und der Poesie. Es geht was ab im Leben der jüngeren Generation, aber irgendwas fehlt ihr immer. Ein Debüt mit einem unvergesslichen Sound, von der Größe eines Wales.

  • Birgit Birnbacher: Wir ohne Wal. Jung und Jung. 166 Seiten. 18 Euro. Auch als E-Book. Erschienen am 8.9.2016

Senta Wagner (sentafoto)

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