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Wer bei einem unabhängigen Buchverlag seine Bücher verlegt, die und den nennen wir einfach mal Indie-Autorin und Indie-Autor. Die beiden müssen das nicht immer bleiben, Literatur lässt sich nicht binden, aber es ist schön, wenn es so ist.
Beim Hotlistblog kamen bisher nur die fertigen Werke, oft die Großform Roman, solcher AutorInnen zu Wort. Jetzt lassen wir sie direkt für uns und alle Prosa schreiben.

Heute freuen wir uns wie die Schnecken über die Nässe über den neuen und bereits zehnten Gast unserer losen Prosa-Reihe – den jungen österreichischen Autor Markus Mittmansgruber. In seinem kurzen, trefflichen Romanauszug Austreibungen fasziniert, wie unheilvolle Beziehungen eine saubere bürgerliche Oberfläche durchdringen. Wir schauen in „biedere Abgründe“ und erfahren die „Banalität des Bösen“. Gerne erwarten wir den zweiten Roman des Autors. Sein Debütroman Verwüstung der Zellen erschien 2016 beim Luftschacht Verlag.

Austreibungen

Früher hatte Thomas einen anderen Namen für sie gehabt. Jetzt nannte er sie einfach Johanna. Der andere Name hatte sich irgendwann ausgeleiert oder war seinen Geschmack losgeworden, wie Hubba Bubba. Vielleicht war er ihm irgendwann auch zu verspielt gewesen. Johanna hatte, soweit er sich erinnerte, gar keinen Namen mehr für ihn, sie vermied es, seinen in den Mund zu nehmen. Er hatte schon ein paar Mal, meistens vor dem Einschlafen, überlegt und verschiedene Optionen durchgespielt, wie es ihm gelingen könnte, sie zu zwingen.
Sie saß am Küchentisch, vor ihr stocherte das iPad zügig im Leben von bekannten Leuten und Leichen herum. Das Kinn lag fest in ihrer Hand. Er stellte seine Aktentasche auf den Boden unter die mantelbehängte Garderobe. Ist jemand zu Besuch? Zwei oder sogar drei der Mäntel dort waren ihm unbekannt. Er rüttelte am hellblauen Krawattenknoten, lockerte ihn mit dem Daumen, kramte aus der Hosentasche seines Anzugs ein gebrauchtes Taschentuch hervor, drückte ein paar Mal die Backenzähne in den Kaugummi und spuckte ihn dann zwischen die papiernen Knitter. Cortexmäßig. Trepanation. Er wischte sich mit der oberen Taschentuchecke einen Schmutzfleck von der Lebenslinie, schlug es über der kümmerlichen, fingernagelgroßen Gehirnmasse zusammen und knetete diese dann zufrieden zwischen den Fingerkuppen scheibenflach. Rußschwarzer Hirntod.
„Hallo, jemand da“, rief er Richtung Küche.
„Wer soll da sein“, antwortete es, „ich bin da, ich sitze hier. Nur ich. Bin auch erst vor ein paar Minuten nachhause gekommen. Die Feier war sehr kurz.“ Johanna leckte am linken Zeigefinger und blätterte um.
„Ich frag ja nur“, sagte er.
„Wer soll sonst noch da sein“, wiederholte Johanna.
„Wem gehören diese Mäntel?“
„Das sind alles meine.“
„Die habe ich noch nie gesehen. Wann hast …“
„Bitte“, sagte sie, und Thomas sagte nichts mehr. Er ging in die Küche und warf die kleine, weiche Scheibe in den Eimer unter der Spüle.
Draußen war Abend und auch drinnen im Haus. Vor ein paar Minuten hatten ihn die Nachtlichter der Bürogebäude im Vorbeigehen noch wegen Einbruchs angeschwärzt. Sie waren dabei samtpfotig gewesen, doch kaum im Rücken hatten sie ihm gemeinsam und lauthals nachgeblinkt: Feigling.
Er ging ins Wohnzimmer, wo er das Sakko über eine Stuhllehne hängte, er öffnete die oberen zwei Hemdknöpfe und dann ließ er sich mit einem Seufzer, fast wie bei einer großen, nun abblätternden Anstrengung, auf das anthraxweiße Ledersofa fallen.
Von dort aus schlachteten seine Augen den Raum aus; das stille Zimmer, es hielt still: Sein Regalgerippe hatte viel ungelesenes Buchfleisch zwischen den Holzknochen, vor allem waltranfettes, ihre skandinavischen Krimis. Und Wolfgang-Hohlbein- und Wolfgang-Hohlbein-artige Fantasyableger, mit ähnlich breiten Rücken („Morgan Rhodes“, das klingt schon nach sehnsüchtigem Ausreiten im Morgenrot). Der Raum war auch gut mit Licht gefüllt, vom Deckenfluter stieg es warm nach oben, tauchte nach unten, es blendete nicht, vielmehr pulste es gastfreundlich und sauber und ohne jede Verdunkelungsgefahr quer über die Wände. Und er hatte das Gefühl, so verlässlich wie ein souverän präsentierter Wetterbericht, in einem Zimmer zu sein, wo das versprochene Blutbad nie stattfinden würde.

Der Weg, leicht abschüssig, und er muss den Kinderwagen fest am Griff packen und sich dagegen und nach hinten lehnen, nach hinten ziehen, damit er sich nicht selbstständig macht und davonrollt. Nur sind seine Arme noch nicht sehr kräftig, auch seine Hände sind schmal und klein, und Paul im Kinderwagen ist schmal und klein, er ist wirklich schmal und klein, das Baby in dem dunkelblauen Korb hat eine weiße Haube auf dem Kopf und lacht ihm zu, und er lässt den Kinderwagen los und läuft nach vorne und an dem selbstfahrenden Gestell vorbei, überholt es und stellt sich dem steuerlosen Gefährt in den Weg und federt dessen Tempo ab und verlangsamt es, fängt es auf. Das Baby sieht das nicht, es liegt dort drinnen wie ein dicker Käfer und sieht nur den blauen Himmel am Land. Neben der Straße sind Felder. Mutter und Vater kommen hinten nach spaziert. Sie gehen Hand in Hand. Die Mutter ruft etwas von Vorsichtigsein. Er umkreist den Kinderwagen und nimmt wieder den Schiebergriff in die Hände, das Baby gähnt, und er merkt, dass der Weg ab dem Kanaldeckel, über den er gerade gefahren ist und dessen Relief sich wie ein stumpfes, flach gewalztes und in den Beton eingelassenes Zahnrad von ihm kurz und glockenschlagdumpf betreten hat lassen, stärker abzufallen beginnt, und da nimmt er die Hände weg vom Griff, er lässt den Kinderwagen wieder losrollen, und der nimmt nach wenigen Metern Fahrt auf, und er rennt schnell und noch schneller und kommt auf gleiche Höhe mit dem Kinderwagen, in dem Paul Babygeräusche macht und strampelt, und er muss noch schneller rennen, um das Überholmanöver zu Ende zu bringen, um sich vor den Kinderwagen zu bringen, um ihn dann wieder zu stoppen, und der Rollsplitt unter seinen Schuhsohlen lässt ihn wie auf einer Eisfläche ausgleiten oder jemand stellt ihm ein Bein, er sieht es nicht, er stolpert wie über einen Widerstand und knickt um und fällt auf die Knie und sieht das Gestell mit dem dunkelblauen Korb davonrollen und hört die Mutter und den Vater schreien und das Baby still sein, während die Räder auf der rechten Seite über das sandige Bankett schlittern und der Wagen schlingert, immer weiter nach rechts, bis er von der Straße abkommt. Ein Abflussschacht mündet auf, stellt sein graues Maul klaffend in den Weg, und die Reifen prallen lieblos dagegen. Der Käfer wird aber nicht zerquetscht oder aus der gepolsterten Kapsel geschleudert. Thomas sieht es von der Ferne, er rafft sich hoch und humpelt ins Gelände, die Eltern sind bereits dort, sind an ihm vorbeigelaufen, und als er hinkommt, wenige Augenblicke später, liegt der Käfer ruhig im Korb, nur ein bisschen zur Seite gedreht, und die Mutter ist gerade dabei, ihn herauszuheben und seine Haube zurechtzurücken. Das ist Thomas nicht recht. Aua, heult er, aua, mein Fuß tut weh. Aber niemand sagt etwas und niemand schenkt ihm Beachtung. Abends im Krankenhaus wird man den Eltern mitteilen, dass er sich eine Fraktur des Mittelfußknochens zugezogen hat.

(Romanauszug)

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  • Markus Mittmansgruber, geboren 1981 in Linz, studierte Philosophie an der Universität Wien. Promotion 2009 mit einer Dissertation zur Dekonstruktion Jacques Derridas. Der überarbeitete Text erschien 2012 im Passagen Verlag unter dem Titel Das „Gespenst“ und seine Apokalypse. Von Jacques Derridas Körper.
    Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften (u.a. Kolik, Die Rampe, Podium). Teilnehmer der Autorenwerkstatt 2015 am Literarischen Colloquium Berlin. Sein Debütroman Verwüstung der Zellen erschien 2016, Austreibungen ist sein zweiter Roman.

 

  • Markus Mittmansgruber: Verwüstung der Zellen. Wien: Luftschacht Verlag 2016. 232 Seiten. 23,70 Euro (A). Auch als E-Book erhältlich.

Der Autor ist auf Facebook, Twitter und Instagram zu finden.

 

(Senta Wagner)

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