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Wer bei einem unabhängigen Buchverlag seine Bücher verlegt, die und den nennen wir einfach mal Indie-Autorin und Indie-Autor. Die beiden müssen das nicht immer bleiben, Literatur lässt sich nicht binden, aber es ist schön, wenn es so ist.
Beim Hotlistblog kamen bisher nur die fertigen Bücher, oft die Großform Roman, solcher AutorInnen zu Wort. Jetzt lassen wir sie direkt für uns und alle Prosa schreiben. Heute, große Freude wie beim morgendlichen Öffnen des Kalendertürchens: Zu Gast ist der junge österreichische Poet und Herausgeber Robert Prosser mit einem schillernden und ebenso packenden wie feinfühligen Text, der 1992 in einem Wiener Flüchtlingslager angesiedelt ist, aber aktueller nicht sein könnte. Seitdem es Krieg auf den Kontinenten gibt, sind Menschen gezwungen ihre Heimaten zu verlassen, sich massenhaft in Bewegung zu setzen und doch tragen sie alle eine individuelle Geschichte mit sich herum. Mit der müssen sie im Jetzt ankommen.
Robert Prosser veröffentlichte seine bisherigen Werke beim Klever Verlag in Wien. Lyrik von JETZT 3, Babelsprech unter der Co-Herausgeberschaft des Autors erschien im Herbst 2015 beim Wallstein Verlag./sw

Die Nachricht
(Juli 1992)

Die überraschendste Erkenntnis in den ersten zwei Wochen seit ihrer Ankunft? Die Stadt, in der das Flüchtlingslager liegt, und Bécs, aus dem Geschichtsunterricht geläufig, sind ein- und dasselbe. Anisa schlendert durch die Halle des Westbahnhofs. Beim Anblick eines Werbeplakats neben dem Kartenschalter war ihr nach Tagen schlagartig bewusst geworden: Das also ist Wien.
Meist fühlt sie sich den Straßen ausgeliefert, den Menschen besonders, die sie ansprechen, sie neugierig, auch mitleidig betrachten, als wäre weithin sichtbar, woher sie stammt. Gegen Nacht aber wird die Umgebung weicher, durchlässiger, kann Anisa sich verstecken und rumtreiben im selben Moment. Außer diesem Schritt und dem nächsten zählt nicht viel, vorbei an Trafik und Blumenladen, die mattweiß gefliesten Treppen hoch. Zürich, Bukarest, Berlin steht auf der großen Anzeigetafel. Mit einem Rasseln, das Anisa an Zähneklappern erinnert, lösen sich die Buchstaben und Zahlen in einen weißen Zeichenschleier, fügen sich zu neuen Orten und Zeiten. Sie tritt hinaus zu den startbereit summenden Garnituren. Fremde Sprachen, Abschiedswinken. Am Bahnsteigende lehnt sie sich an das Schild, das vorm Weitergehen warnt. Vor ihr Silhouetten von Gebäuden, Laternenpfählen. Überkreuzte Gleise. Die Rücklichter eines abfahrenden Zuges glimmen rot, fügen sich ein ins von Signalen punktierte Schienenfeld. Das schrille Bremsen rangierter Güterwaggons ist zu hören; ein Geräusch, das bis vor kurzem, während eines Spazierganges durch Sarajevo, etwas in ihr bewirkt hätte. Ein Weiterwollen, woandershin. Wenn die Arbeit im Café nebensächlich war, der Tag stattdessen erfüllt von Erwartung, der Lust auf Reisen, Abenteuer. Momente, deren ruhige, zugegeben langweilige Abfolge jetzt, im Nachhinein, eine Art von Glück ist. Eine Straßenbahnfahrt beispielsweise. Das träge Rattern, die Gesprächsfetzen und ruckelnd anvisierten Haltestellen, geöffnete Schiebetüren und Rufe, Gelächter. Milos Hand auf ihrem Oberschenkel. Beide sahen durch die Hinterscheibe auf die zurückgelegte Allee. Die Fahrspur ein dunkelgrün flackernder Tunnel aus Blattwerk; der Himmel in den Fenstern naher Häuser wie Scherben aus Wolke und Blau.
Die Faszination lag im Eingeständnis, dass der Glaube, den anderen zu kennen, eine Täuschung ist. In Sarajevo fuhren sie mit der Straßenbahn zum Zoo und während des Schlenderns von Gehege zu Gehege, von Affen zu Elefanten, vom Aquarium mit Fischen in wunderschönen Farben zur Voliere wurde Milo fassbarer und rätselhafter zugleich. In Arbeitspausen saß sie gern am Platz vor der orthodoxen Kirche und sah den alten Männern zu, die dort Schach spielten; ihr gefiel die Vorstellung, dass die Beziehung mit Milo einem leeren Schachbrett ähnelte, um mit jeder Beobachtung eine Spielfigur zu erhalten. Ein Ausflug in den Zoo beispielsweise könnte einen Turm einbringen und einen Springer gab es für Kinobesuche, wenn Milos Gesicht im Schein der Projektionen aufglomm. Sie mochte es, zu beobachten, in wie viele Facetten er sich während der Filmvorführungen spaltete; sein unterdrücktes Kichern oder erstauntes Kopfschütteln bewiesen ihr, dass es Verborgenes in ihm gab, das sie gleichsam begreifen wollte. Im Zoo bestaunte sie die Fremdheit im Wesen Milos, während er sich im Wundern über exotische Tiere verlor. In einem Käfig lungerte auf einem gefällten, das Gehege durchschneidenden Baumstamm ein Schneeleopard. Das Tier sah auf, da Milo näher trat und die Hand durch das Gitter steckte. Anisa stand neugierig abseits, wie mit dem Schneeleoparden übereingekommen, ihrem Freund eine Falle zu stellen. Den langen Schweif durch die Luft schwingend spannte die Raubkatze ihren Leib und sprang gegen die Absperrung, welche unterm Aufprall erzitterte; gelbliche Fangzähne und Speichelfäden im geöffneten Maul, die linke Tatze erhoben, um Milos Gesicht zu zerkratzen, der in einer Mischung aus Schrei und Lachen zurückwich, erregt, den Schneeleoparden provoziert zu haben.

Im umfunktionierten Turnsaal drückt sie sich vorm Putzdienst. Sie isst dreimal täglich die Fertiggerichte, immer in Gruppe Eins, die Kinder und Frauen umfasst. Dreimal täglich geht sie raus zum weißen Baucontainer, nimmt das Tablett entgegen, kehrt zurück zu ihrem Bett oder hockt sich an die Mauer auf den Asphalt, zieht die Alufolie vom Plastikbehälter und stochert in Nudeln oder Reis. Anisa zählt ihren Besitz: Zahnbürste, Zahnpaste, Niveacreme. Blaues T-Shirt, ein roter Anorak. Eine Jeans, Anfang des Jahres in Sarajevo gekauft. Die Turnschuhe mit Klettverschluss, was bescheuert aussieht, aber trotzdem: neue Schuhe. Aus einem Caritassack gezogen wie die Bluse mit aufgedruckten violetten Blüten und die schwarze Jogginghose. Ein Heft, ein Kugelschreiber, ein Bleistift. Unterwäsche. Das rosa Ausweiskärtchen, das sie von der Fremdenpolizei erhalten hat. Ein Stadtplan, am Westbahnhof aus einer Ablage mit Info-Material gezogen. Der Haarreif, ein Geschenk von Andrea, eine der vier Sozialarbeiterinnen. Brauchst sicher bald, meinte sie und strich Anisa über die schwarzen Stoppeln, die auf ihrem glattrasierten Schädel zu wachsen begannen. Ein Plastiksack, darin Taschenspiegel, Postkarten, Zündhölzer.
Links von ihr schläft Azra, neben dieser Rahim, Azras sechzehnjähriger Sohn. Die beiden sind aus Zvornik, einer Stadt im Osten Bosniens, an der Grenze zu Serbien. Das Bett rechts von Anisa gehört der siebzehnjährigen Jemina, die mitsamt Eltern und Geschwistern vertrieben wurde, eine insgesamt achtköpfige Familie.
Wieder und wieder sortiert Anisa ihre Habseligkeiten, ordnet und zählt sie. Faltet den Stadtplan auseinander, fährt mit der Fingerspitze Straßenverläufen nach. Sie meidet die rechte Hallenwand. Die über Klettersprossen gehängten Hosen und Röcke riechen nach Heu, als wären ihre Besitzer direkt von der Feldarbeit vertrieben worden, ein Geruch, der in Anisa, muss sie daran vorbei, die Wiese hinterm Elternhaus wachruft.

Eine Stunde, erzählt ihr Jemina, gaben sie uns. Ein Tag Mitte Juni und eine Stunde, um das Nötigste zu packen. Pro Person ein Koffer oder eine Tasche. Nach einer Stunde mussten wir in einem der Busse sitzen.
Die Sonne brannte auf den Hauptplatz von Kozluk, einer größeren Ortschaft am bosnischen Ufer der Drina. Ein ansässiger Serbe reichte durch ein Seitenfenster mit Wasser angefüllte Eimer, die er von seinem Haus herantrug. Bald sprang ein im Baumschatten kauernder Soldat auf und verjagte ihn; im Bus versank man ob Hitze und Durst in einen dämmrigen, fast ohnmächtigen Zustand. Spätnachmittags, als vor den Scheiben Äcker vorbeizogen, versuchte Jemina vergeblich, anhand der durchquerten Dörfer das Ziel der Fahrt zu erraten. Nach Ankunft an einem Provinzbahnhof reihte sie sich wie befohlen ein, um fotografiert zu werden und Formulare auszufüllen. Sie hockte auf einem Streifen Gras zwischen Schienen und Holzschuppen, sah den Gebetskugeln zu, die zwischen den Fingern ihrer Mutter vor und zurück wanderten. Zwei Tage später waren Pässe ausgestellt und Gruppen eingeteilt, standen Waggons für die Weiterreise der Kozluker Muslime nach Wien bereit. Der serbische Fernsehsender RTS filmte die Abfahrt jenes Zuges, in dem Jemina mit ihrer Familie saß. Sie öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus in die nach frisch gemähtem Gras riechende Ebene. Das schwarze Linsenauge einer am Bahnsteig aufgebauten Kamera glänzte in der Sonne. Eine junge Frau in rotem Minirock, roter Bluse, roten Stilettos hielt in der einen Hand ein Mikrofon und deutete mit der anderen auf den an Geschwindigkeit gewinnenden Zug.
Andrea tritt zu ihnen und Jemina verstummt. In den Händen der Sozialarbeiterin Block und Stift, wer morgen mitkommt ins Kunsthistorische Museum, möchte sie wissen. Ihr Englisch, findet Anisa, hat einen auffälligen Akzent. Beide nicken, Andrea fügt ihre Namen auf der Liste hinzu. Wieder ungestört erzählt Jemina, dass in Kozluk bereits im April eine Ausgangssperre erlassen worden war, Soldaten in den Wäldern patrouillierten. Einmal fuhr ein Bus durch den Ort; ein Rekrut, der die Straße zu bewachen hatte, lehnte neben ihr am Zaun. Dieser Bus, sagte er, zweigt vor der Brücke über die Drina zu einem unbewohnten Gehöft ab. Im Innern, so Jemina, saßen gekrümmte Gestalten, die Hände hinter dem Kopf, und Soldaten drückten ihre Gesichter über die Abtransportierten hinweg an die Scheiben und riefen nach ihr.

*

Ablenkung vom Lageralltag, kündigte Andrea an. Ausgerechnet, denkt Anisa mit Blick auf die unzähligen Kreuzigungsszenen oder die junge, wie bekifft lächelnde Frau, die in einer Schüssel den Kopf eines bärtigen Mannes präsentiert. Zugegeben, sie mag die Museumssäle mit italienischer Kunst, die Malereien wirken streng, zerbrechlich die Körper, wie Porzellan. An den Wänden Könige, Engel, halbnackte Bogenschützen, im Waldschatten verborgen. Anisa tastet in ihrer Tasche nach dem gefalteten Papier mit dem Emblem des Roten Kreuzes. Am liebsten würde sie das Blatt zerreißen, aber kann sich nicht einmal überwinden, es zu zerknüllen und in den nächsten Müllkorb zu werfen. Sie bemerkt, dass Andrea sie beobachtet, und wendet sich wieder den Gemälden zu. Bettlerschalen, Eisenketten. Kleinkinder mit den Gesichtern verbrauchter Lebemänner, am Rücken Flügelstummel. Fische und Kornblumen. Samtroben, Kronen. Wie die Kleidung eines Bauern sich mit dem herbstlich braunen Feld im Hintergrund deckt, Gewitterwolken ins Dunkel ferner Berge fließen. Rahim zischt ihr zu. Er steht vor einem Bild der Nacht am Ölberg und ahmt die Haltung des Schmerzensmannes nach. Den Kopf gebeugt, die Hände unbeholfen gehoben, streckt er die Zunge raus wie ein hechelnder Hund. Ein ausgehungerter Mann mit unstetig irrendem Blick: Wenn das Jesus ist, denkt Anisa, dann wurde er mit jedem Flüchtlingstransport der letzten Zeit einige hundert Mal an den Wiener Bahnhöfen ausgeladen.
Nachdem sie in der Turnhalle einquartiert worden war, hatte ihr Andrea mit zuversichtlichem Lächeln das Blatt überreicht. Eine Rot-Kreuz-Nachricht, Format A5. Auf der Vorderseite die auszufüllenden Angaben zum Absender: Ihr Name, Geburtsdatum, Adresse, der Name des Vaters, den sie auch als Empfänger eintrug, dazu sein Geburtsdatum, das ihr erst nicht einfallen wollte. Im Oktober, sicher, aber welches Jahr? Auf der Rückseite achtzehn freie Zeilen. Anisa beschrieb darauf die Unterkunft: Bett neben Bett neben Bett, an die einhundert. Die meisten sind aus Kozluk, notierte sie, wo Männer, die sich Gelbe Wespen nannten, die Häuser räumten. Ich mach mir Sorgen um dich, ich hoff, es geht dir gut. Sie setzte ab, weil sich ihr der Magen umdrehte wegen diesem dummen Satz, der auf eine Rot-Kreuz-Nachricht gekritzelt und als Fracht eines Hilfskonvois den Weg nach Bosnien finden sollte. Vor Tagen erhielt sie das Blatt zurück, darauf ein roter Stempel, das Kürzel B.T.S.: Back to Sender. Unzustellbar, da der Empfänger nicht aufzufinden ist. Der Name der Paramilitärs mit schwarzem Marker überdeckt. Sie kratzte mit dem Fingernagel an den Streichungen. Ungläubig, wieder und wieder. Was soll das? fragte sie und hielt Andrea den Zettel hin. In der Rot-Kreuz-Zentrale in Zagreb, erklärte Andrea, müssen alle Botschaften zensuriert werden, nichts Militärisches oder Politisches dürfte enthalten sein.

Im Kunsthistorischen spielt Anisa die Möglichkeit durch, den Bildern, die ihr zusetzen, etwas entgegenzuhalten. Eine Flucht in der Flucht, vielleicht, vor den im Rückstoß zitternden Geschützen, den über Mauern verstreuten Schrapnellspuren. Knapp vor 20 Uhr versammeln sich viele der im Turnsaal Untergebrachten vorm Fernseher. Auf dem mit Spanplatten abgedeckten Boden und herangeschobenen Bettgestellen sitzend, sieht man die brennende Nationalbibliothek Sarajevos, die TV-Reporter in Schutzweste berichten von Sniper Alley, dem Hotel Holiday Inn, von den Geschehnissen in Višegrad oder Foča und ziehen in Erwartung von Granattreffern die Köpfe ein. Alle Legenden, sämtliche Heiligen, denkt Anisa im Museum, müsste sie mit ihrer eigenen Geschichte vollpumpen, bis etwa das Bildnis des alten, dürren Mannes, der ein rotes Tuch um die Hüften trägt, zerplatzt und Farbspritzer auf die schweigsamen, schier andächtigen Besucher regnen. Neben dem halbnackten Mann liegt ein Totenkopf mit zwei Backenzähnen, weißer als seine eigenen. Rechts unten, ins Finstere des höhlenartigen Raumes geduckt, der grimmig blickende Schädel eines Bären. An der Wand im Hintergrund lehnt ein Kruzifix. Der Alte schreibt Unlesbares auf ein Blatt Papier, in einer ähnlichen Haltung, wie Anisas Vater am Küchentisch zu sitzen pflegte. Er versteckt sich, malt sie sich aus, im aufgelassenen Bergwerk nahe des Dorfes und schreibt in einem Brief, der bestimmt bald in Wien eintreffen wird, in unbeholfener, krakliger Schrift von den gezähmten Bären, die sich für eine in den Hut geworfene Münze verbeugten; eine seiner üblichen Erzählungen, die davon handeln, wie er mit durch den Wald geschlichen war, um der Mutter das Junge wegzuschnappen, das in den folgenden Monaten die Tortur zu erleiden haben würde, zu unentwegtem Trommelschlag auf einem heißen Blech zu tanzen. In unmittelbarer Nähe des Dorfes strich eine vor Sorge wahnsinnige Bärin umher, die, als die Suche nach ihrem Jungen ergebnislos verlief, blindwütig über eine Ziegenherde herfiel: Jugendgeschichten, die Anisa langweilten, aber auch jetzt, bei den verrostenden Grubenhunden, die er früher selbst betätigt hat, fällt ihrem Vater nichts Besseres ein.

*

Vorm Schlafengehen hält sie die retournierte Rot-Kreuz-Nachricht in der Hand. Faltet daraus einen Papierflieger, faltet ihn wieder auseinander. Irgendjemand war damit in ihrem Dorf gewesen und hatte ihren Vater gesucht, aber nicht gefunden. Sie sieht einigen Männern zu, die zwischen den Betten stehen und mit leeren Konservendosen und Schuhen auf den Basketballkorb in der Höhe zielen, jeden Treffer mit Applaus quittieren. Anisa überlegt, Jemina am Bett gegenüber zu einer Wette aufzufordern. Die nächsten fünf gehen rein, etwas in dieser Art, um die Zeit totzuschlagen.
Wie ist eigentlich deine Flucht verlaufen?, fragt Jemina und legt die Bravo beiseite. Anisa möchte es ihr erzählen, aber über die ersten Sätze kommt sie nicht hinaus. Schwindel, ein stechender Kopfschmerz, wie seltsam, sie will, doch lässt ihr Körper nicht zu, dass sie davon spricht: Übern Hügelschwarz ein Streifen Morgen. Hinterm Ziegenverschlag das Gerippe eines Gartenzauns, das silbern schimmernde Band des Kiesweges. An den Häusern unförmig helle Flecken. Man wird uns nichts tun, sagte Vater, sie wollen nur wissen, wer wir sind. Man wird uns nichts tun, wiederholte er und strich die rotweißgemusterte Tischdecke glatt. Anisa wunderte sich, dass er seine schwarze Kappe auf dem Kopf trug, wie bereit zum Aufbruch. Von Draußen das Schnauben eines Pferdes. Ein Vogelschrei vom Rand der Wiese. An den Häusern weiße, aus Fenstern gehängte Laken, vom Regen durchnässt und getrocknet im Wind, der von den Hügeln kam und nach Rauch roch, nach verbranntem Holz. Er trat zur Kommode, nahm die Fotografie von Anisas Mutter in die Hand. Pferdeschnauben, eine zugeschlagene Tür. Anisa wandte sich erneut zum Fenster, sah die Baumwipfel, die Häuser mit ihren weißen Laken. Man wird uns nichts tun, wiederholte sie im Stillen, sie wollen nur wissen, welche Häuser die unseren sind. Irgendjemand hatte die Kennzeichnung aller nichtserbischen Behausungen gefordert. Widerwillig, stillschweigend, war man dem Befehl nachgekommen. Anisa glaubte, ein fernes Singen zu hören. Die Stirn an der Scheibe sinnierte sie über die Melodie, ihr vage bekannt. Am Himmel zeichnete der anbrechende Tag die Umrisse von Wolken hervor. Woher kenn ich dieses Lied, wollte sie Vater fragen, der selbst regungslos auf das Singen horchte, das lauter wurde, aus vielen Stimmen bestand, doch war hinterm Zaun und auf den Wegen niemand zu sehen. Dann ein grelles Licht. Eine unerwartete Gewalt, die durchs Fenster fegte und Anisa niederriss, eine Welle, die jedes Geräusch erdrückte, bis sie, wie knapp vorm Ertrinken, nach Luft schnappend das Bewusstsein wieder erlangte. Im Kopf ein Pochen, schrilles Echo. Vater half ihr hoch und gebannt von seinen Augen, der Angst darin, folgte sie ihm hinaus. Knistern, Qualmgeruch. Die geschwärzten Gesichter der Uniformierten, die zu viert oder fünft zu den mit Leintüchern gekennzeichneten Häusern eilten. Gestalten in Camouflage und an ihren Füßen weiße Turnschuhe, die im Morgen wie leuchtende, kleine Fabelwesen tänzelten, aufgeregt vom Feuer, das an den Laken frass. Imre, ihr Nachbar, hetzte den Hang hoch zum Wald. Vater gab ihr einen Stoß, ihm nach, schrie er, lauf ihm nach.

  • Robert Prosser, geboren 1983 im Tiroler Alpmassiv, lebt dort und in Wien. Studium der Komparatistik und Kultur- und Sozialanthropologie. Aufenthalte in Asien, in der arabischen Welt und in England. Österreichischer Kurator von Babelsprech zur Förderung junger deutschsprachiger Dichtung. Veröffentlichte zuletzt den Roman Geister und Tattoos (2013). Einige Auszeichnungen, u. a.: Österreichisches Projektstipendium für Literatur 2014/2015, Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung 2014, Aufenthaltsstipendium am Literarischen Colloquium Berlin (LCB) 2014, Reinhard-Priessnitz-Preis 2014, Wiener Autorenstipendium 2012, Literaturpreis Floriana 2010.

(Foto: (c) Lena Prehal)

Hier gibt es den Text auch als PDF, mit herzlichem Dank an Robert Prosser. Und hier geht es zu weiteren Büchern des Autors, vorgestellt auf dem Hotlistblog.

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