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Quignard, ZungenspitzeAber dies ist gar kein Roman. Aber was ist es?

„Sich Zeit lassen für die Rückkehr eines jeden Wortes, das auf der Zunge liegt, die zu Papier geworden ist: das ist Schreiben.” – Pascal Quignard

„Eine Legende aus grauer Vorzeit.
Eine junge Stickerin verspricht einem Unbekannten, seinen Namen im Gedächtnis zu behalten. In Jahresfrist wird er wiederkehren und sie nach seinem Namen fragen. Im Gegenzug erhält die Stickerin jene wundersame Hilfe, auf die sie schon nicht mehr gehofft hat. Und kann deshalb ihren Geliebten heiraten.
Aber irgendwann im Verlauf des Jahres fällt ihr der Name nicht mehr ein. Er liegt ihr auf der Zunge. Doch es droht der Tod, sollte der Name nicht wieder zum Vorschein kommen …
Lakonisch, und makellos wie ein Kristall, dient dieses Märchen für Erwachsene (wie für Kinder) als Dreh- und Angelpunkt für einen erhellenden Essay über die Sprachlosigkeit, das Schreiben und um das Paradox, dass die Unzulänglichkeit der Sprache selbst zum Handeln treibt, zur Handlung wird. Durchwirkt sind diese Reflexionen von der sehr persönlichen Erinnerung eines Ausnahmeschriftstellers an das Kind, das er einmal war – das Kind, das um die stets anwesend-abwesende Mutter kreist, die Nahrung verweigert, von Stummheit befallen ist.”
(Text: diaphanes)

Holger Fock und Sabine Müller schicken sich an – so scheint es -, das gesamte Werk von Pascal Quignard ins Deutsche zu übertragen (neben all den anderen Büchern, die sie auch noch übersetzen; es gab schon frühere Übersetzungen, u. a. von Jörg Aufenanger, doch richtig wahrgenommen wurde Quignard damals nicht; und heute?).

Wer ist dieser Pascal Quignard, an den wir denken sollen, wenn von französischer Gegenwartsliteratur die Rede ist? (Und auch an Patrick Deville, Yves Bonnefoy … – Wer fällt uns sonst ein? Michel Houellebecq, Jean Echenoz, Yasmina Reza, Marie NDiaye, Boualem Sansal, Marie Darrieussecq, Éric-Emmanuel Schmitt, Anna Gavalda? – Die Leserinnen und Leser können gerne über die Kommentarfunktion weitere Namen beisteuern.)

Foto: (c) diaphanes

Foto: (c) diaphanes

Pascal Quignard

geboren 1948, zählt zu den renommiertesten Gegenwartsautoren Frankreichs.
Er ist Verfasser eines bedeutenden literarischen Werks aus über dreißig Romanen, Erzählungen und Essays, das in viele Sprachen übersetzt wurde, in Deutschland bislang jedoch weitgehend unbeachtet blieb.
Ebenso innovativ wie erfolgreich bedient er immer wieder das historische Genre.
Sein Roman Tous les matins du monde (dt.: Die siebente Saite) lieferte das Buch zu Alain Corneaus gleichnamigem Film.
Aufgewachsen in Le Havre in einer Musikerfamilie, lebt Pascal Quignard heute fernab vom Pariser Literaturbetrieb in der Normandie und verfolgt unverbrüchlich sein schriftstellerisches Projekt, das sämtliche Gattungen sprengt und die Gewalt der fernsten Vergangenheit zu unserer nächsten macht.

(Diese biographische Notiz stammt vom diaphanes Verlag.)

Der genannte Roman, Die siebente Saite, entführt in eine barocke Welt, in der es nur Kerzenlicht gibt und Tageslicht, und Gambenmusik summt in der Luft: Quignard schafft eine sinnliche Atmosphäre, und man bekommt Lust, Rameau oder Forqueray zu hören. Es ist überhaupt keine schwierige Lektüre (auch wenn ein – deutscher – Verleger gesagt haben soll, Quignard sei zu intellektuell für die Deutschen) – die größte Schwierigkeit dürfte, ganz profan, darin bestehen, an das Buch heranzukommen: es ist seit langem vergriffen.

Bereits im April erschien: Die wandernden Schatten.

Quignard, SchattenDas – ebenfalls schwer zu klassifizierende – Buch trug Quignard den Prix Goncourt ein (2002).
Der Verlag taggt es mit:

Geschichte
Ursprung
Fragment
Autobiographie
Schreiben
Tod
Literatur
Erinnerung

„Wenn man ein Buch öffnet, weiß man nicht, wohin man geht. Man lässt sich führen in Zeiten, an Orte, zu Gefühlen, mit denen man sich sonst nicht ohne weiteres eingelassen hätte. Überhaupt sind unsere Leben Irrpfade, die wir auf verschiedene Weisen rekapitulieren – je nachdem, zu welcher Zeit und mit welchen Personen wir leben.” – Pascal Quignard

„Zu den Wanderbewegungen von Lesen und Leben gesellt sich hier die Stimme des Schreibenden, der sich unablässig neu befragt – ob vor dem langen Schatten der Menschheitsgeschichte oder vor dem eigenen, dunklen autobiografischen Hintergrund: dem autistischen Verstummen, dem Hungern, dem Verschlingen von Büchern statt von Nahrung.

Die wandernden Schatten eröffnet ein gewaltiges Schreibprojekt: eine stets Fragment bleibende Sammlung aus hingetupften biografischen Skizzen, eindringlichen Aphorismen, Romananfängen und (prä)historischen Erzählungen, welche mal das Persönlichste, mal das Abstrakteste in kristalline Wortmusik bannt.”
(Text: diaphanes)

Eine Leseprobe gibt es hier (pdf).
Es lohnt sich unbedingt, zu lesen anzufangen. Man muss keine Schwelle überwinden und kommt doch gleich in eine andere Welt. / mr

Pascal Quignard, Der Name auf der Zungenspitze. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. 96 Seiten, Broschur. diaphanes, Zürich 2015. 9,95 Euro

Pascal Quignard, Die wandernden Schatten (Letztes Königreich, I). Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. 192 Seiten, Broschur. diaphanes, Zürich 2015. 16,95 Euro

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