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Wer bei einem unabhängigen Buchverlag seine Bücher verlegt, die und den nennen wir jetzt einfach mal Indie-Autorin und Indie-Autor. Die beiden müssen das nicht immer bleiben, Literatur lässt sich nicht binden, aber es ist schön, wenn es so ist.
Im Hotlistblog kamen bisher nur die fertigen Bücher, oft die Großform Roman, solcher Autoren zu Wort. Jetzt lassen wir sie direkt für uns und alle schreiben. Heute, große Freude: Zu Gast ist die österreichische Autorin Isabella Feimer mit einem zart-düsteren, farbensatten und überaus formbewussten Abschiedstext, der gebündelt ist, wie es scheint, in einem einzigen „Augenaufschlag“. Isabella Feimer ist den unabhängigen Wiener Verlagen treu. Sie veröffentlichte beim Septime Verlag ihre ersten beiden Romane, Trophäen, ihr dritter, ist jetzt beim Braumüller Verlag erschienen und wird hier vorgestellt./sw

Kleine Geister

Augenaufschlag, zeitlupenkonform, und mein Tagebuch der Erinnerung, das ich weggesperrt hatte, löste sich in seine Bestandteile auf, das geschah plötzlich und überraschte mich. Längst hatte ich erkannt, dass nichts von Bestand war, Bestand war lediglich die Bestandsaufnahme einer Situation, eines Moments, der sich als abrufbare Emotion festzuklammern suchte, das wusste ich, das hatte ich erfahren, hatte ich gelernt zu akzeptieren. Auch Abwesenheit akzeptierte ich, ihre Abwesenheit, die mich niemals trauern ließ. Ich betrauerte ihren Tod, um anderen einen Gefallen zu tun. Ich weinte, um in ihrem toten Schatten gesehen zu sein.
Ich spürte ihre Anwesenheit in dem schlichten Zimmer, das ich temporär mein Zuhause nannte, in dieser fremden Stadt mit dem azurblauen Nachthimmel, der die Sterne verschlang. Ich hörte ihr Herz, ihren Atem, ihre Stimme, zikadenlaut. Dornröschenmutter, die im Wandverbau verschwand, diesem gläsernen Sarg, aus dem sie nicht gerettet werden wollte. Ich erinnerte den Wandverbau im Wohnzimmer, das dunkle Mahaghoni, das den Raum in zwei Teile spaltete und auf dem jedes Staubkorn sichtbar wurde, erinnerte Souvenirs, die andere von ihren Reisen ihr mitgebracht hatten, und ihre Schmetterlingsseele, Stück für Stück, versteckte sie darin. Der Küchentisch, die Glasplatte, und ihre langen Nägel klopften darauf, das Tischtuch mit Blumenmotiv und die welken Blütenblätter auf der Fensterbank, Orchideenblütenblätter, gehegte, gepflegte Pflanzen, die Blumentöpfe dicht gedrängt, beschützten vor der Außenwelt, im Eck daneben der rosa Tischspiegel, in den sie mit ihren zwei Gesichtern sonntags blickte, zupfte sich im Licht des Vormittags die Augenbrauen, rauchte die herb würzigen Zigaretten, eine nach der anderen, und wartete, bis der Vater ging.

Ich stand auf, wollte mit meiner Beweglichkeit ihre Bewegungslosigkeit aus dem Zimmer drängen, öffnete das Fenster, auch die Fensterläden dahinter, abgesplittertes Holz, krachte im aufkommenden Wind aneinander. Als sie leer war, ging sie, dachte ich, dachte weiter, angsterfüllt, nur nicht enden wie sie,
im Dornröschenschlaf, so ende ich,
hätte sie gesagt, hätte sie noch etwas sagen können in diesen letzten Stunden und in ihren letzten Atemzügen, bevor mein Nicken die Maschine, an der sie hing, abgeschaltet hatte. Wunderschön und unantastbar lag sie da, und ich saß neben ihr, hielt widerwillig ihre Hand, hörte ihren Herzschlag, hörte ihn leiser werden, nur nicht langsamer, und ihr Atem war zu ihrer letzten Sprache geworden, sie flüsterte mir, bildete ich mir ein, und ich beugte mich zu ihr, nah an ihren Mund und hin zu ihrer Körperwärme, die nicht und nicht verging.
Kleiner Geist, flüsterte sie, nein, sagte ich, ein Kobold bin ich, der Seelen stiehlt.
Einmal danach, nachdem sie gestorben war, abgeschaltet, hatte ich versucht, in ihre Haut zu schlüpfen, in ihre dreiundsiebzig Quadratmeter Lebensfläche im Niemandsland, nicht Stadt, nicht Land, die sie mir großzügig hinterlassen hatte und in die ich nach Jahren eigener Abwesenheit zurückgekehrt war, zurück in den Mutterleib, in die abgestandene Luft, stickig von Staub und den alten Geschichten. Ich nahm ihren Platz am Küchentisch ein, sah mich im Tischspiegel an, rauchte eine würzige Zigarette. Nur auf ihrer Seite des Bettes schlief ich nie.

Ich war das Mädchen mit dem Sonnenhut, und Glückskäfer zierten mein Lieblingskleid. War das wirklich ich?, damals?, und hatte mich jetzt eiskalt rührselige Erinnerung überrumpelt und sich in meiner Brust festgesetzt, in meinen beiden Herzen, von denen manchmal keines schlug?
Ich beugte mich aus dem Fenster, blickte hinunter auf die Straße, blickte hoch in den Himmel, blickte zum Haus gegenüber. Ich wollte meinen Arm strecken, über die Straße hinweg, bis ich die gegenüberliegende Mauer berühren könnte, eine Tür öffnen, die nicht existierte, das wollte ich. Ich sagte, jeder Regenbogen führt in die Unendlichkeit, jedes Haus geht kaputt.

Die lila Fliesenfassade war auch kaputt gegangen, das ganze Haus, in dem sich ihr Geschäft befand, abgerissen, so viele Stunden pro Tag, die ich hier verbracht hatte, Stunden meiner Kindheit geraubt, inmitten des beißenden Geruchs der Haarbleiche und Färbemittel, der alten Frauen, deren Haar ebenso lila glänzte wie die Fliesenfassade, war sie ab und an geputzt. Außen, schwere Glastür, um in das Geschäft hineinzukommen, und ich musste mein ganzes Gewicht gegen die Tür und in ein Innen drücken, innen? Innen war das Geschäft, so wie ich jetzt ersann, schon immer leer gewesen, ausgeräumt, ausgehöhlt, leer und dunkel, diffuses Licht, ich wusste nicht, woher es kam, spürte es nicht, nicht warm, nicht kalt, nur Licht, das sich einem Schauer gleich in meinen Nacken legte, einer Anwesenheit gleich, ihrer Anwesenheit. Ich träumte oft von dem abgerissenen Haus, der Fliesenfassade, die als Stückwerk zu meinen Füßen lag, träumte, ich setzte die Fassade erneut zusammen, setzte ein Stück auf das andere, und jedes Stück hielt.

Ich schloss die Augen, ich atmete ein, ich musste an einen Anfang zurück, die Zeit drängte, lief ab, den Maschinen bald der Stecker gezogen, dem Herz, das nicht mehr schlug, und Winterschleier bedeckte den Dorffriedhof, den Kiesweg, die Grabsteine, die weiten Felder, in die der Friedhof gebettet war, auch sie gebettet, die Dornröschenmutter, von der ich langsam Abschied nahm, mein Mutterland, fand mich doch nie in ihm zurecht, und dann kamst du, mein Gegenüber, warst einfach da und ich bereit in dir zu verschwinden wie in einem dunklen Wandverbau, weißt du, sagte ich, wir sind Geister, die im Schatten spielen, spielen im Schatten, damit uns niemand sieht, und ich streckte meinen Arm weiter und strengte mich an, ich schrie, ich rief nach dir, dehnte mich aus, so gut es ging, und meine Hand berührte die Mauer, endlich, kalte Mauer im warmen Sonnenlicht, und endlich deine Hand, die nach der meinen griff, mich hielt, mich hochzog, zu dir, in dein Leben, in diese Welt, die mir all meine Erinnerungen entlockte, über die ich schwieg, schweigen musste, Erinnerungen, eingepackt in seidiges Papier, dir im Stillschweigen zum Geschenk gemacht, nein, ich war nicht verliebt, hatte verlernt, mich zu verlieben, hatte Sehnsucht, dieses dunkle Gefühl, das mich von innen heraus zerfraß, Sehnsucht war ein Platzhalter gewesen, auch so eine Bestandsaufnahme, an der ich sinnentleert festgehalten hatte, all das sagte ich dir nicht, sagte leise, unhörbar, dass ich mich in das Licht verliebt hatte, das um dich herum die Textur des Tages gestaltete, dass ich dem Licht folgte, es spürte, es roch.

Schemenhaft, dass ich mich an unsere erste Begegnung erinnerte, konnte Wochen her sein oder ein paar Stunden, konnte an jener Ecke gewesen sein oder an jeder anderen, konnten uns in den Abständen zwischen den Pflastersteinen getroffen haben, ihre Unebenheit, sagtest du, sie gibt mir Halt, daran erinnerte ich mich, auch an das Stimmengewirr, das uns umgab, das bedrückend einen Kokon um uns gesponnen hatte, und in diesem Kokon bewegten wir uns, nebeneinander, kein Gleichklang der Schritte, des Atems, der Gedanken, lesbar oder unlesbar, bewegten uns in der Verschiedenheit, die uns zueinander gezogen hatte, und alles schmeckte süßer, von nun an kein bitterer Nachgeschmack, schmeckte, wie es niemals zuvor geschmeckt hatte, keine Fäulnis mehr, die auf der Zunge gedieh, bewegten uns in den Banalitäten, die wir einander zu sagen hatten, und in einem Abschied, den wir nicht verdrängten.

Gewitterwolken über der Stadt, bedrohliches Gemälde, das näher rückte, und in der Ferne Donnergrollen, und die Straßen leerten sich, leerte sich auch mein unausgesprochenes Verlangen nach dir, jetzt da ich dir nah war, da ich an deinem Herzschlag ruhte, in deiner Welt, nicht angekommen, doch für den Moment zuhause, in deinen Armen, nicht geborgen, dennoch beschützt, grollte dem Donner und er grollte mir, drang in mich, zerriss, was von mir übrig geblieben war,
zerfetztes Blütenblatt,
zerbrochener Spiegel,
ich fragte, wie heißt das Ding, in dem man sich sieht,
du wolltest mich küssen, ich wich aus, wich zurück, wich von deiner Seite, zurück in mein Zimmer, in das Bett, der Blick auf die kahle Wand gerichtet,
gläserner Wandverbau,
verstaubtes Tagebuch,
reizlose Erinnerung,
ja, dachte ich, ein Mikroskop.

Eigenartige Sentimentalität, die mich im Traum befiehl, befremdlich und doch hatte sie etwas Vertrautes, gehörte nicht mir, nicht zu mir, gehörte in diese Zwischenwelt, die sich mir aufgetan hatte und nach meiner Aufmerksamkeit, ob Tag, ob Nacht, ob Wachen oder Träumen, lechzte. Zwischenwelt, die mich in ein Damals katapultierte, als ich Kind war und in familiären Strukturen gefangen, als ich floh. Damals floh ich die dampfige Luft, die aus der Trockenhaube drängte, floh der Großmutter Stimme, die nach mir langte, immer wieder im Lauf des Tages nach mir verlangt hatte, mich rügend, mich anklagend für den Verdruss, der ihr Leben war und für den ich nichts konnte. Rechts und links vom Tisch saßen sie, Mutter und Tochter in all ihrer Unähnlichkeit, Mutter, meine, lächelte der Küchenzeile, lächelte ihren Gedanken, die sie weit weg brachten, während Großmutter sprach, sprach immer, sprach ohne Unterlass, ohne Luft zu holen, so schien es, sprach laut, um das mechanisch surrende Geräusch, in dem die Trockenhaube funktionierte, zu übertönen. Musste übersprochen werden, so wie die Waschmaschine im Badezimmer, die seit Stunden lief, so wie der Rasenmäher, den ein Nachbar schob, wie die Hummeln, die sich in die Wiesenblüten setzten, wie Gras, das wuchs.

Ich lief aus dem Haus in den Garten, Sommernachmittag, winddurchtränkte Hitze und sattes Licht, das dem Garten satte Farben gab. Großvater schlief im Schatten eines Baumes, sein Bauch hob und senkte sich in Gleichmäßigkeit, seine Brille war ihm ein Stück von der Nase gerutscht und drohte ins Gras zu fallen, zu den Kirschen, wurmig, zu den Gänseblümchen, fast verwelkt. Ich ging zu ihm, ich, die ich Kind war, und ich, die ich dem Kindsein entwachsen würde, aus ihm wuchs mit jedem Schritt, den ich bedächtig tat. Als ich an seiner Seite stand, strich meine erwachsene Hand über seine Wange, strich sanft darüber, ich wollte ihn nicht aus verdienter Ruhe wecken, Ruhe, die er mir mit jedem weiteren Atemzug schenkte, Ruhe, die der Großmutter Stimme zerriss. Leuchtreklamenstimme, aufdringlich blinkend, rief dem Großvater, und er schreckte hoch.

Auch ich schreckte aus meinem Traum, fror und schwitzte, atmete schnell und verlor meinen Atem wieder, hatte ihn zurückgelassen,
wo?,
im gläsernen Sarg?,
in den engen Gassen der Stadt oder ihren Ruinen, deren Schönheit ich nicht mehr sah?
Links das Fenster, und außerhalb des Fensters der Himmel mit sich in Bewegung befindlicher Flügelschlagstruktur. Rechts die Maschine, an der mein Körper hing, dahinter der Stecker. Ich rastlos. Weit über jeden Horizont hinaus. Bald, das wusste ich, musste ich entscheiden.

  • Isabella Feimer, geb. 1976, aufgewachsen in Schwechat, lebt in Wien. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Seit 1999 freie Theaterregisseurin und Schriftstellerin von Romanen, Kurzgeschichten, Reiseprosa und Theatertexten. 2012 Nominierung bei den 36. Tagen der deutschsprachigen Literatur, 2013 und 2015 Nominierung für den Alpha-Preis, 2013 Kulturpreis der Landes NÖ, Anerkennungspreis Literatur. Der afghanische Koch (2013), Zeit etwas Sonderbares (2014), Trophäen (2015), In Erwartung einer Fremde (gemeinsam mit Manfred Poor, 2015).

(Foto Isabella Feimer: © Michael Winkelmann)

Hier gibt es den Text auch als PDF, mit herzlichem Dank an die Autorin.

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Ein Kommentar zu “Indie-AutorInnen schreiben für uns – Isabella Feimer (4)

  1. Pingback: Oktoberpost aus Wien – Ein Wintermärchen | Der Hotlistblog

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