Home

Layout 1Im voraufgegangenen Hotlistblog-Beitrag wurde es bereits erwähnt:

Der von Buchhändlerinnen und Buchhändlern gewählte Melusine Huss-Preisträger ist in diesem Jahr der Verbrecher Verlag für Anke Stellings Roman Bodentiefe Fenster. Der Verlag kann sich über einen Druckgutschein der Druckerei Theiss im Wert von 4000 Euro freuen.

Die Benennung dieses zweiten Hotlist-Preises nach der Frankfurter Buchhändlerin Melusine Huss (eigentlich Hussendörfer), die von 1920-1989 lebte, unterstreicht die enge Verbindung zwischen unabhängigem Verlagsbuchhandel und (Laden-) Buchhandel, gleichviel, ob Indie oder nicht.
Der Melusine Huss-Preis wurde zwei Jahre nach dem Hotlist-Preis eingerichtet, also 2011, und war von Anfang an mit einem Druckgutschein verknüpft, den in den ersten Jahren die spendablen Freiburger Graphischen Betriebe stifteten und in diesem Jahr nun die österreichische Druckerei Theiss. Das ist auch darum erfreulich, weil ja die Hotlist sozusagen ein Eurovisions-Konzept verfolgt, d. h. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind gleichermaßen zugeschaltet.
(Wer weiß, vielleicht schließen sich mit der Zeit auch deutschsprachige Verlage aus Luxemburg, Belgien und Ungarn an? Die wird’s doch geben? Kennt wer welche?)

verbrecherklein
xxxxxxxxxxxxxxx
(Deckt man die linke Figur ab, könnte die Bildunterschrift „Yeah!” lauten.)

Nun wollen wir aber auch noch etwas über das prämierte Buch wissen. Bitteschön:

Von den 68er-Müttern im Aufbruch hat eine Töchtergeneration den Auftrag erhalten, die Welt zu verbessern – das Waldsterben und die Aufrüstung zu stoppen, ein Zimmer für sich allein zu haben, gemeinsam stark zu sein –, und diesen Auftrag kann Sandra nicht vergessen.

Mit vierzig Jahren und als Mutter zweier Kinder ist aus ihr eine Art Kassandra vom Prenzlauer Berg geworden. Sie sieht, dass die Ideale der Elterngeneration im Alltag verloren gehen, auf dem Spielplatz versanden, im Plenum der Hausgemeinschaft ad absurdum geführt werden. Alles auszusprechen, ist offenbar keine Lösung, weggehen kann sie jedoch auch nicht, außerdem genießt sie ihre Privilegien. Sie feiert die Kindergeburtstage wie früher, wie Pippi Langstrumpf, doch der Kern der Utopie ist nicht mehr da. Und die bodentiefen Fenster machen den Alltag allzu durchsichtig.

In schöner Sprache und mit viel Ironie erzählt Anke Stelling von den Hoffnungen, Kämpfen und Widersprüchlichkeiten des Mutterdaseins.
(Text: Verbrecher Verlag)

Eine Leseprobe gibt es hier (als pdf).

Übrigens, das Lektorat lag bei Kristina Wengorz, was hier vor allem darum erwähnt werden muss, weil sich die Autorin (die nach ihrem Buchdebüt im Ammann Verlag und drei weiteren Büchern bei S. Fischer mit ihrem aktuellen Roman nun bei den treu sorgenden Verbrechern gelandet ist) selbst kürzlich sehr lobend dazu äußerte:

„Im Verbrecher Verlag ist das Lektorat super. Auch wenn es an Geld und manchmal Zeit fehlt: Den unabhängigen Verlagen ist es wirklich wichtig, echt gute Bücher zu machen. Das hat natürlich eine Schattenseite: Es geht nur über die Selbstausbeutung. Die Verlagsleute arbeiten lange Stunden und bezahlen sich nicht besonders gut. Es ist also nicht alles nur bejubelnswert. Bei Fischer funktioniert die Selbstausbeutung nicht so gut – und so ruft der Lektor dich eben auch nicht immer zurück.”

(Zitiert nach dem Beitrag von Annie Rutherford und Marisa Rohrbeck zur Hotlist-Feierstunde am 16.10. im Literaturhaus Frankfurt: „Himmelsgrüße von Marcel”.)

„Den unabhängigen Verlagen ist es wirklich wichtig, echt gute Bücher zu machen.” Ja, so ist es! – und nur so ergibt der Verlegerberuf Sinn: Bücher nicht nach Rendite, sondern nach Überzeugung zu machen. / mr

Zum Schluss zwei Pressestimmen und, wie immer, die bibliographischen Angaben.

Anke Stelling ist mit ihrer Sandra, die alles so herrlich scharf sieht und böse auf den Punkt bringt und trotzdem völlig hilflos über sich ergehen lässt, so etwas wie der Prototyp einer Generation gelungen: ein schaurig schönes, bewundernswert durchkonzipiertes Bild der überbesorgten, überprivilegierten Mutter von Prenzlauer Berg, wie sie schon oft beschrieben wurde – nur dass sie bislang eher von außen beschrieben wurde und nicht von innen, so wie sie funktioniert und wie sich selbst sieht.” – Susanne Messmer, taz – die tageszeitung

„Anke Stelling hat, so viel kann gesagt werden, hier einen der Romane des Jahres vorgelegt: Mit genauem Blick und subtilem Humor erzählt sie vom Scheitern eines Milieus, von Lebenslügen und falschen Glücksvorstellungen und blickt tief in die Abgründe des grün-pseudolinksliberalen, neobürgerlichen Lebens, das einmal ein befreites sein wollte.” – Thomas Blum, neues deutschland

Anke Stelling, Bodentiefe Fenster. Roman. 256 Seiten, gebunden. Verbrecher Verlag, Berlin 2015. 19,00 Euro

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s