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1078Vierhundert Jahre her das Ganze, na und? Im Czernin Verlag wurde einfach ordentlich abgestaubt. Versiert und lebhaft, durchsetzt von zahllosen jiddischen Begriffen, weiß Claudia Erdheim vom Schicksal der Wiener Juden in der Zeit von 1625 bis 1670 zu erzählen. Schlecht ging es denen ja irgendwie immer. Ghettoisierung, Armut, Steuerlast, Krankheiten, schlechte Geschäfte, alles ein großer Jammer. Und zu allem Überfluss, die Donau. Immer wieder stand die Judenstadt (die heutige die Wiener Leopoldstadt) unter Wasser. Lauter „Verhängnisse des Himmels“ und Schrecken: „Da behüte uns Gott davor!“ Doch Lena und ihre Mischpoche geben sich wehrhaft und wendig bis zum Schluss und sorgen für manchen Glanz in der Stadt und manches Schmankerl. Erdheims Sprache passt sich dem tagtäglichen Überleben an, ist flott, zierdelos, protokollartig, stets im Präsens, die Figurenreden nur mit lapidaren Spiegelstrichen abgesetzt – großartig.

20150923_081427„Endlich sind die Juden weg und weg sollen sie bleiben.“ Wien, Anfang 17. Jahrhundert, die jüdische Bevölkerung wird endgültig aus der Stadt vertrieben und in der »Judenstadt« außerhalb der Stadtmauern angesiedelt. Unter ihnen ist Lena Gerstl, deren bewegtes und schweres Schicksal Claudia Erdheim fast 400 Jahre später zum Leben erweckt.
Der Kampf um Rechte, Duldung und Überleben war Teil des Alltags der Wiener Juden, die nach einem Erlass des Kaisers 1624 gezwungen waren, ein neues Leben aufzubauen. 1670 wurde die „Judenstadt“ aufgelöst, die Bewohner waren wieder ohne Bleibe. Claudia Erdheim erzählt die Geschichte einer Ehefrau und Mutter, die den ständigen Anfeindungen der Christen, dem Druck der steigenden Steuern sowie Krankheit und Seuchen standzuhalten versuchte.
Ein wenig beachtetes Kapitel der österreichischen Geschichte wird in diesem Text lebendig. Mit ihrem klaren und prägnanten Stil porträtiert Claudia Erdheim die Geschichte einer Verbannung und den Versuch eines Neuanfangs. (Czernin Verlag 2015)

 

  • Claudia Erdheim: In der Judenstadt. Erzählung. Wien: Czernin Verlag 2015. 144 Seiten. 18,90 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

 

Senta Wagner

(Abbildung aus dem Buch)

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