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Auf dem Dachboden

Jeder Dachboden birgt Schätze, auch olle Spielsachen. Ausgespielt, „stark abgeliebt“, keiner will es mehr haben, aber es hat seine Geschichte und vielleicht auch einen Liebhaberwert. Dann kann es passieren, dass der Bär, die Puppe oder die Igelchen bei einer Auktion landen und zum Sammlerstück mutieren.
Jetzt kommt der angepriesene Hingucker ins Spiel. Der Comicstar Nicolas Mahler hat sich mit der Sache beschäftigt und bedient sich in seinem neuesten, reizend gestalteten Gedichtbilderband dachbodenfund aus dem semantischen Fundus von Spielzeugauktionskatalogen. Die Artikelbeschreibungen darin sind sachlich, knapp, aufs Wesentliche beschränkt, die Abbildungen zeigen den Rest.
Mahlers Gedichte bleiben zwar genauso sprachlich reduziert, zaubern die Spielzeuge aber aus ihrem Katalogdasein in einen poetischen Raum mit basalen Mitteln wie Strophenaufbau (darunter  Ein- und Zweizeiler), überraschenden Zeilenumbrüchen, Rhythmus. Die Gedichte und Zeichnungen sind kontrastreich koloriert in schwarz, rot und weiß. Spielzeug betrifft die Lebenswelt eines jeden – ein vergnüglicher und anrührender (Liebhaber-)Band.

Der Wiener Luftschacht Verlag hat den Comic schon bald vor zehn Jahren für sich entdeckt und für das Land fruchtbar gemacht. Mahler gehörte von Anfang an dazu, wie in Perpetuum, der „ersten umfassenden Anthologie Österreichs“. Heute erscheinen seine Literaturadaptionen als Comicstrip bei Suhrkamp, weitere Publikationen in Zürich, Polen, Kanada und Paris, wo sie freilich umspielt „Bande dessinée“ heißen.

Nicolas Mahler zählt zu den bekanntesten Comic-Zeichnern im deutschsprachigen Raum. Dass er nicht nur ein Meister der zeichnerischen Reduktion ist, sondern sich auch mit großem Gespür der Sprache bedient, zeigt sein dachbodenfund. Aus dem Wortschatz alter Spielzeugauktionskataloge montiert Mahler knappe Gedichte. Er schlägt aus nüchternen Beschreibungen spielerisch Funken und erzeugt mit minimalen Mitteln eine Atmosphäre von Komik und seltsamer Melancholie.“ (Luftschacht Verlag 2015)

Am 13. März 2015 bekommt Nicolas Mahler den Preis der Literaturhäuser 2015 auf der Leipziger Buchmesse verliehen.

BÄR CIRCA 1930

fünfundvierzig zentimeter
gelb
buckel

mit fliege
bekleidet

fehler an den
fussohlen

kleine offene stellen
unter der schnauze

dachbodenfund

HUND ALS HANDTASCHE

selten

HASE

biegbare ohren
kleinere fehler
am filz

schuhsohle locker
zähne fehlen

garantiert alt

(alle drei Gedichte aus: dachbodenfund)

  • Nicolas Mahler: dachbodenfund. Gedichte. Wien: Luftschacht Verlag 2015. 96 Seiten. 14,50 Euro. Erscheint im März (jetzt schon vorbestellen!)

 

 

Senta Wagner (+ Foto)

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