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Auch nach dem Tod eines Dichters bleibt seine Dichtung lebendig. Letzte Woche verstarb im Alter von 85 Jahren der „Grandseigneur der serbischen Gegenwartslyrik“ Miodrag Pavlović (geb. 1928 in Novi Sad). Der noblen Wiener Edition Korrespondenzen war er eng verbunden und veröffentlichte dort noch 2013 seinen jüngsten Gedichtband Die sogenannten Toten in der Übersetzung von Peter Urban. 2007 erschienen ebendort als Originalausgabe seine Paradiesischen Sprüche und 2003 der Band Cosmologia profanata.
Man schätzt seine Meisterschaft, „in dichten, poetischen Bildern die alten Erzählungen aus Mythos und Geschichte mit den Erfahrungen der Moderne zu verschmelzen“.
Zwei der drei Werke kommen hier in die Auslage.

Die sogenannten Toten

MEIN BETT IST MIR ZU ENG  BETT IST MIR ZU ENG

Mein Bett ist mir zu eng
es könnte auch länger sein
Wer darin schläft
vor Unfrieden nicht gefeit
kracht zusammen
Verlangen werde ich etwas
das wesentlich länger ist
und breit
damit mir der Kopf nicht wehtut
Ich brauche auch nicht viel Schlaf
sondern möchte mich nur ausstrecken
so lang wie ich bin
mich ausstrecken
ein wenig breiter und ein wenig enger
und ausruhen
tief und tiefer
bis ins Mark

(aus: Pavlović, Die sogenannten Toten)

remote_OTc4MzkwMjk1MTAxNA==„Das Bett will nicht mehr passen, jeden Morgen wird ein Strumpf vermißt und die Freunde sind längst tot, nur man selbst hat scheinbar »kein kürzeres Sterben verdient«. Dem Jenseits nahe, sprechen und singen die jüngsten Gedichte von Miodrag Pavlović, dem Doyen der serbischen Literatur, über gar diesseitig drängende Fragen.
Ungemach und Gebrechen hat das Alter gebracht, nur keine Antworten auf die Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen. Skeptisch und erwartungsvoll befragt der Dichter die Geschichte, die Religionen, die modernen Wissenschaften und den Tod, aber »als wäre jemandem bei der Gestaltwerdung der Grundprinzipien an Verwicklungen gelegen«, will es eine wirkliche Antwort einfach nicht geben.
Mit eindringlichen Bildern bringt Pavlović sowohl das Existentielle als auch das Komische der Situation des (gealterten) Menschen auf den Punkt, schaut mit Weisheit und feinem Humor auf das Unergründliche von Himmel und Erde.“ (Edition Korrespondenzen, 2014)

    • Miodrag Pavlović: Die sogenannten Toten. Serbisch/Deutsch, übersetzt von Peter Urban. Wien: Edition Korrespondenzen 2013. 80 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen. 18 Euro

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Paradiesische Sprüche

Über die ersten Dinge
Über die ersten Dinge wissen wir alle dasselbe
kaum nötig dass uns jemand unterweist
der Vater etwa ein Lehrer im Vorbeigehen
oder ein Wahrsager der an die Tür klopft
gleichberechtigt ist in jedem von uns das Wesen
eines dem andern im Dasein gleich
und die Stimme wiederholt sich, die uns vom Baum versucht
es atmet der Mensch in demselben Raum
wie die Schlange die er verabscheut
das einzige was man nicht weiß ist
wie war der Ursprung selbst
und deshalb fällt die dichte Finsternis uns an.
Wie war das im Paradies?
Vielleicht begann die Vertreibung schon dort
fragt sich der Mensch und blickt in die Höhe
zu Jenem auf der dort sitzt oder steht
und die Augen geschlossen hält während er uns zuhört.

(aus: Pavlović, Paradiesische Sprüche)

„Wer mit Miodrag Pavlović nach dem Paradies fragt, trifft schnell auf das, was ihm entgegensteht: »alles deutet darauf hin / der Mensch ist eine Intrige, die zur Vertreibung führt / nicht aber zur Lösung.«
Dennoch bleibt dem Menschen auch die Sehnsucht nach dem »glücklichen Schreiten« in den Paradiesgärten, treibt ihn an und um, und führt ihn zum nächsten Irrtum.
Nüchtern, skeptisch und mit poetischer Zauberkraft widerspiegeln Pavlovićs Paradiesische Sprüche dieses menschlichuniverselle Zerwürfnis, fragen nach dem Woher und Wohin jedes Einzelnen wie auch der Menschheit. Bild- und wortgewaltig wird von den Verwüstungen durch Krieg und Natur erzählt – und wie sich im Untergang auch die Vision neu offenbart. Etwa beim »irregelaufenen« Brand im Kloster Hilandar (Berg Athos 2004), wenn Pavlović angesichts der Ohnmacht gegenüber der Zerstörung des Heiligtums schlicht bemerkt: »im Unfasslichen ist jeder Mönch / er selbst geworden«.
Mit diesen während der letzten zehn Jahre entstandenen philosophischen Parabeln und Gedichten vereint Miodrag Pavlović die Essenz seines Denkens und Dichtens zu einer großen Gesamtschau, ganz profan und transzendent zugleich.“ (Edition Korrespondenzen, 2014)

  • Miodrag Pavlović: Paradiesische Sprüche. Serbisch/Deutsch, übersetzt von Peter Urban. Edition Korrespondenzen 2007. 80 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen. 18 Euro

Der Dichter ist preisgekrönt (z. B. 2003 Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie gemeinsam mit dem Übersetzer Peter Urban) und hinterlässt ein umfangreiches und in viele Sprachen übersetztes Werk./sw

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