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CHIQUENAUDE und andere Texte aus früher Jugend – einer Kritik von Mario Osterland auf dem Literaturportal Fixpoetry, „Grande Jeunesse. Raymond Roussels Jugendwerke erstmals in deutscher Übersetzung”, verdanke ich die Kenntnis von diesem Buch, dem ersten und bisher einzigen des brandneuen Verlags zero sharp (in Zeichen: 0#).
Die Coverabbildung, die das Verzeichnis Lieferbarer Bücher anbietet (in seiner allgemein und frei zugänglichen Erscheinungsform buchhandel.de), ist allerdings schandalig, und die auf der Verlagsseite ist auch nicht besser. Aber zur bloßen Information reicht’s: Buch ist da.

RousselChiquenaude
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx        „Chiquenaude” – man kann das Wort als „Schnips” oder „Schnipser” übersetzen. Im Internet findet man als Belegstelle die Letzten Worte eines zu Tode Verurteilten (1794):
„Qu’est-ce que la guillotine? Une chiquenaude sur le col.” (Was ist schon die Guillotine!? Ein Schnips gegen den Hals!)

Blaise Pascal (1623-1662)

Blaise Pascal (1623-1662)

Mir kam Pascals Kritik an Descartes in den Sinn:

„Je ne puis pardonner à Descartes; il aurait bien voulu, dans toute sa philosophie, se pouvoir passer de Dieu; mais il n’a pu s’empêcher de lui faire donner une chiquenaude, pour mettre le monde en mouvement; après cela, il n’a plus que faire de Dieu.”
Blaise Pascal, Pensées (77)

„Was mich bei Descartes wurmt, ist, dass er Gott gern aus seiner Philosophie herausgelassen hätte, ihn dann aber doch hereingelassen hat, weil er ihn brauchte, um die Welt anzustipsen; danach kann er mit Gott nichts mehr anfangen.”
(Meine freie Übersetzung.)

Was es mit Raymond Roussels Schnips auf sich hat – wer weiß.
Hier ein Blick ins Buch:

Wer war dieser Roussel eigentlich? – Ein großer Exzentriker vor dem Herrn, so viel steht fest.
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„Raymond Roussel (* 20. Januar 1877 in Paris; † 14. Juli 1933 in Palermo) war ein französischer Schriftsteller und Schachtheoretiker, der zahlreiche literarische Tendenzen der Moderne wie Surrealismus, Pataphysik, Oulipo sowie den Nouveau Roman, aber auch die bildenden Künste maßgeblich beeinflusste.”
(Text: Wikipedia)

Im Zusammenhang mit Roussel unbedingt zu erwähnen ist die Pionierarbeit des Übersetzers und langjährigen Literaturredakteurs des Westdeutschen Rundfunks (WDR3) Hanns Grössel, Kenner und Liebhaber der dänischen, schwedischen, französischen Literatur, und ein Crack in Sachen Raymond Roussel, dem er 1977 eine Dokumentation gewidmet hat, die immer noch lieferbar ist.

(Bei Amazon, dessen vorgewerkschaftliche Arbeitsbedingungen und dessen Kulturferne der User bitte für einen Moment – den Moment des Bestellens – ausblenden möchte, für 14,00 Euro zu haben, in der wackeren örtlichen Buchhandlung für 11,00 Euro, verbunden mit ein paar Tagen Lieferzeit, die der Klient als Zeit des Sichvorfreuens wahrnehmen darf, eine kleine Lieblichkeit des alltäglichen Lebens, die unsere verwöhnte und verdrossene Instantbedienkultur weitgehend verloren hat – beklagenswert!)

Roussel_edition_text+kritikHanns Grössel (Hg.), Raymond Roussel. Eine Dokumentation

„Raymond Roussel (1877-1933) galt zeitlebens als Außenseiter der Literatur. Erst zwei Jahre nach seinem Selbstmord erschien der Essay ‚Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe’: halb autobiografischer Rückblick, halb Darlegung eines Verfahrens, mit dem aus klangähnlichen, aber bedeutungsverschiedenen Wörtern oder Wortgruppen eine völlig imaginäre, fantastische Welt aufgebaut wird: die Innenwelt der Sprache. Vor allem mit seinen beiden Romanen Impressions d’Afrique (1910) und Locus Solus (1914/1932) sowie mit der Versdichtung Nouvelles Impressions d’Afrique (1932) hat Roussel eine Literatur geschaffen, die sich an Strenge und Faszination allenfalls mit derjenigen Franz Kafkas vergleichen lässt.

Der Band dokumentiert Bedeutung und Wirkung eines Autors, der lange vor Lettrismus und Konkreter Poesie mit größter Konsequenz die Sprache beim Wort genommen hat.
Er enthält Texte von Raymond Roussel, darunter erstmals auf Deutsch die posthume Darlegung seiner literarischen Methode, außerdem Essays von Jean Ferry, Michel Foucault, Pierre Janet, Michel Leiris, Jean Ricardou und Alain Robbe-Grillet sowie Statements von Lothar Baier, Jean Cocteau und Salvador Dalí; ein ausführliches Nachwort des Herausgebers sowie eine Zeittafel und eine Bibliografie ergänzen ihn.”
(Text: edition text + kritik)

Hanns Grössel, „Der gesteuerte Zufall. Raymond Roussel und seine schriftstellerische Methode”. In: DIE ZEIT, 3.6.1977, Nr. 23.

Auch wenn „Die Andere Bibliothek” längst nicht mehr im unabhängigen (nicht mehr existenten) Verlag von Franz Greno erscheint, sondern – „als eigenständiger Verlag […] innerhalb der Aufbau-Gruppe” (Wikipedia) – bei Aufbau fortgeführt wird, muss dies Werk natürlich hier auftauchen:

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Locus Solus

Locus Solus heißt der 1914 erstmals erschienene Roman von Raymond Roussel, in dem das Werk eines exzentrischen Autors seinen Höhepunkt erreicht.
Locus Solus – ein Wortuniversum, in dem sich der Surrealismus in Literatur und Kunst ankündigt und der Sprache ein neuer Raum eröffnet wird, hat seit seiner Veröffentlichung vor einem Jahrhundert nichts von seiner legendären Magie verloren.
‚Bei mir ist die Phantasie alles’, bekannte Raymond Roussel, er lebte es, er schrieb es – und in Locus Solus formt er seine puren Imaginationen zu einem visionären Sprachschauspiel.

[Ansicht von Locus Solus (12 Fotos), s. unter „Blättern”]

‚Niemand war so dicht den Geheimnissen auf der Spur, die das menschliche Leben lenken’, schrieb Michel Leiris. André Breton nannte ihn den ‚größten Magnetiseur der modernen Zeit’, und für Jean Cocteau war er ein ‚Genie von vollkommener Reinheit’. Zu den Bewunderern gehörten auch Francis Picabia und Marcel Duchamp [„Der Grund, weshalb ich ihn bewunderte, war, daß er etwas produzierte, das ich noch nie gesehen hatte.”], Philippe Soupault und Louis Aragon, Robert Desnos, Paul Éluard, André Gide und Marcel Proust, Max Ernst, Salvador Dalí und Michel Foucault oder Jim Jarmusch: ‚I love Roussel’.

Seit Jahrzehnten nicht mehr veröffentlicht, ist Locus Solus nun wieder zugänglich, bereichert mit Kommentierungen, Abbildungen, einer Chronologie und einem Nachwort.

Zum literarischen Ereignis wird diese Neuentdeckung durch Episoden aus einer ‚Ur­fassung’, die auch auf Französisch noch nie veröffentlicht wurden.
Wir lesen von ‚Bertha das Blumenkind’ oder von ‚Flio – im Mondschatten der Liebe’.
Stefan Zweifel, Übersetzer, Publizist und einer der großen Kenner der französischen Literatur, hat sie entziffert und übertragen.”
(Text: Die Andere Bibliothek)

Weiteres rund um Roussel in Kürze. / mr

Bibliographische Angaben

Raymond Roussel, CHIQUENAUDE und andere Texte aus früher Jugend. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Maximilian Gilleßen. Gestaltung Anton Stuckardt. Mit Beiträgen von Pierre Janet. 112 Seiten, broschiert. 20 x 13 cm. zero sharp, Berlin 2014. 16,00 Euro

Raymond Roussel, Locus Solus. In der Druckfassung von 1914 und ergänzt durch Episoden aus der erstmals veröffentlichten „Urfassung”. Von Stefan Zweifel entziffert, kommentiert und aus dem Französischen übertragen. 487 Seiten, gebunden im Schuber. Die Andere Bibliothek, Berlin 2012. 36,00 Euro

Hanns Grössel (Hg.), Raymond Roussel. Eine Dokumentation. 176 Seiten, mit s/w-Abbildungen. Broschur. edition text + kritik, München 1977. 11,00 Euro

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Ein Kommentar zu “Raymond Roussel. Auch dabei: Hanns Grössel

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