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In Klagenfurt am Wörthersee werden nicht nur BachmannpreisträgerInnen wie Trüffel gesucht, in Klagenfurt werden auch fleißig Bücher gemacht – diesmal von echten Rittersleut. Seit 1980 verlegt der Ritter Verlag neuere Literatur, Kunst, Theorie und Architektur, bis heute über 450 ritterbooks, mit einer klaren Ansage an die bevorzugt österreichische Sprachkunst, am Mainstream großräumig vorbeiziehend. Zahlreiche Titel sind antiquarisch noch lieferbar. Zum Verlag gesellt sich in der gleichen Stadt seit 2001 eine Galerie für zeitgenössische Kunst namens, klarerweise, rittergallery. Weil das Frühjahr immer noch in den Sommer hineinragt, kommen jetzt rasch zwei lesenswerte Märzbücher in die Auslage.

aed9b9e8ccPaul Divjak, Das war Pop

„Das war Pop ist ein Buch der Sehnsüchte und Träume, Hoffnungen und Ängste zeitgenössischer Hedonisten aus der sogenannten Kreativwirtschaft. Das Leben scheint eine Dauer-Party zu sein – freilich nur für diejenigen, die teilhaben an dem, was soziale Akzeptanz befördert: „Aufmerksamkeit ist immer noch die neue Währung“, lautet das Credo jener neuen „Info-Elite“, die die alten massenkulturell beglaubigten Codes des Waren- und Markenfetischismus perpetuiert, während draußen als Fußnote das Weltgeschehen tobt. Der Autor ist vor allem an den Redeweisen einer sich in Hyperaktivität verausgabenden Gesellschaft interessiert, deren Privatsphäre sich im digitalen öffentlichen Textraum verliert. Mit geradezu lexikalischem Eifer sammelte Divjak die in diversen Postings sozialer Netzwerke zirkulierenden Phrasen und arrangierte das Material zu einer Serie fiktiver Porträts, in die er auch reichlich Songzeilen aus Pop und Rock einstreute. Letztere unterstreichen den Befund der Allgegenwart bewusstseinsindustrieller Indoktrination. Auf jene, früheren Popkulturen inhärente, Dialektik zwischen Auflehnung und Angepasstheit verweist dagegen das Grundkonzept von Paul Divjaks polyphonem Dokument, das sich als satirisches Panorama ebenso versteht wie als Spurensuche nach Momenten der Poesie in der Selbstdarstellung unserer „Gefällt-Mir!“-Gesellschaft.“ (Text: Ritter Verlag, 2014)

  • Paul Divjak: Das war Pop. Klagenfurt: Ritter Verlag 2014. 96 Seiten. 13,90 Euro

 

f16b0d9b43Dominik Steiger, spuk & geflunker

„In Dominik Steigers, jeweils nicht mehr als eine Seite umfassenden, Spuk- und Geflunkertexten sind herkömmliche Grenzen zwischen Natürlichem und Künstlichem, Mensch, Tier und Pflanze, Weltall und Irdischem außer Kraft gesetzt, selbst die Barriere zwischen Leben und Tod erscheint durchlässig. Strandgut aus verschiedenen Mythologien, aber auch Material alltäglicher Erfahrung amalgamiert sich mit Träumen und Visionen zu rätselhaften Geschichten, etwa vom Vogelmenschen, vom Krüppelspiel oder von einer verstorbenen Seele in Gestalt einer Mücke. Was auf den ersten Blick ins Blaue hinein fabuliert erscheint, folgt doch stets einer den Mikro-Erzählungen inhärenten Notwendigkeit: Handlung hantelt sich entlang mannigfaltiger lautlicher oder bildlicher Assoziationen, analog wohl auch zu solchen Mechanismen, die in unserer vor- und unbewussten Sprachverarbeitung wirksam sind. Im Modus schroffen Behauptens erzeugen Steigers elementare Sätze ein traumhaft-surreales, seltsam ahistorisch anmutendes Pandämonium, dessen verzogene Kulissen auf ins Wanken geratene Bezugsysteme der Jetzt-Zeit verweisen. Durch all die Bedrohung und Düsternis erstrahlt als Signal poetischer Feierlichkeit immerhin ein stets blauer Himmel, auch wenn dieser, wie es einmal im Buch heißt, nur an die Decke geheftet ist. Dominik Steigers spuk & geflunker verheißt ein heiter-bestürzendes Lektüre-Ereignis.“ (Text: Ritter Verlag, 2014)

  • Dominik Steiger: spuk & geflunker.  Klagenfurt: Ritter Verlag 2014. 184 Seiten. 18,90 Euro.

Der Wiener Künstler und Dichter ist im Januar 2014 verstorben.

 

Foto: Klagenfurt am Wörthersee (© Senta Wagner)

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