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DSCF696Wenn es im digitalen Leben nicht mit rechten Dingen zugeht: Seit diesem Frühjahr ist der Wiener Sonderzahl Verlag sehr berühmt. Ganz ungewollt. Grund dafür war ein defektes und sich selbst überlistendes Mailingprogramm. Aber was spricht gegen die Berühmtheit eines feinen, unabhängigen Verlags? Soll er sie als Geburtstagsgeschenk annehmen. Sonderzahl wird 30 Jahre alt und sieht darin „für einen sich jeder Anbiederung an den Kommerz und den Mainstream widersetzenden kleinen Verlag durchaus einen Grund zum Feiern“. Aber ja. Aus hunderten Titeln setzt sich ein profiliertes ästhetisches Programm zusammen aus den Bereichen Essay (ganz stark), Literatur (Sprachkunst), Literaturwissenschaft, Kunst, Architektur und Film sowie allerhand weiteren Spezialitäten. Sie alle gibt es nur in gedruckter Form zwischen zwei Buchdeckeln. Stop e-books leuchtet einem als rotes Warnschild auf der Homepage entgegen.
Mit dem literarischen Essay liebäugelte Verleger Dieter Bandhauer von Anfang an. Kritisch nehmen die Schriften, etwa von Robert Menasse, vor allem die „österreichische Identität und Zeitgeschichte“ in den Blick. Die Literaturwissenschaft treibt die österreichischen Dichtergrößen um wie Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Musil und Schnitzler. In vierter erw. Auflage kursiert der Bestseller Der Übertreibungskünstler von Wendelin Schmidt-Dengler über Thomas Bernhard.

cover_prissnitz_sonetteIm Frühjahr erschien der erste Gedichtband wellness sonette des jungen Lyrikers Konrad Prissnitz.  Wellness steht heutzutage nicht nur für Therme, sondern auch für ein gesellschaftliches Bewusstsein ebenso wie ein Unbehagen daran. Prissnitz windet zu diesem Konzept munter aus Endsilben und Verszeilen Kränze, Zyklen und Panoramen. Gleich mit geschnörkelt der Schriftzug Sonderzahl auf der hübschen Broschur.

„Keine andere lyrische Form lässt so unmittelbar an eine Reihe großer Dichter denken wie das Sonett: Petrarca, Shakespeare, Baudelaire – um nur drei der berühmtesten zu nennen –, die sich mit dieser 14-zeiligen Gedichtform auseinandergesetzt und ihr einzigartige Lösungen abgewonnen haben. Das Sonett – man könnte es mit kleines Tonstück übersetzen – ist aufgrund seiner hohen Musikalität eine besondere Herausforderung, der sich selbst eine der Avantgarde verpflichtete zeitgenössische Dichtergeneration nicht entziehen konnte.
Konrad Prissnitz, Student am Institut für Sprachkunst in Wien, hat sich mit dem Sonett nahezu auf eine amour fou eingelassen, so lange und intensiv hat er an und mit der Form dieses lyrischen Gebildes gearbeitet. »der großteil des bandes ist«, wie der Autor erklärt, »in zyklen organisiert, wobei ich neben sonettkränzen das sonettpanorama als eine neue form des sonettzyklus anbiete. das gedicht ein gewinde passt sich der idee des sonettpanoramas an, soll aber kein pendant zum meistersonett eines sonettkranzes liefern.«
In den Gedichten geht es sowohl um das Wohl ihrer Leserschaft wie auch um das Wohl der Sonette selbst: ein missbrauchtes Christkind, Vampire, Ameisen, Tugenden und sonstige Eingeweide der Stadt. Andere Verse richten sich an Nahestehende und Naheliegende, Tote, den lurch in der ecke beim kratzbaum oder Menschen, die der Autor noch nicht kennt.“ (Text: Sonderzahl Verlag 2014)

Und weil heute heute ist folgendes Gedicht

heute

der tag davor war unter aller letzten;
viel schlimmer wirds und kanns wohl niemals sein;
selbst vorvorgestern war es besser, nein,
perferkt, fast (als mich nichts und niefand hetzten).
der tag danach wird einer meiner besten
(wenn nicht sogar der beste meines lebens).
da bin ich reich, mein rext ruht in palästen,
bin „b“ dabei und doch wars nicht vergebens.
da bin ich ganz normal und hör es läuten;
die leuten stören nicht, sind mir vollkommen.
und wenn sie kommen, schaffe ich das nüchtern.
es riecht nach duft und duftet nach verruch;
es hieß der erste einschlag sei in bayern –
ein auto mir, mir ist schon jetzt nach feiern.

(aus: Prissnitz wellness sonette)

  • Konrad Prissnitz: wellness sonette. Wien: Sonderzahl Verlag 2014. 80 Seiten. 14 Euro.

 

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