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Gombrich, SchattenErnst H. Gombrich, Kunsthistoriker in der Nachfolge Aby Warburgs, lädt zu einem Gang durch die Kunst der Schatten ein: Anhand vieler Beispiele – von antiken Mosaiken über Gemälde Holbeins, Caravaggios und Turners bis zu Photographien von Henri Cartier- Bresson – geht er dem erstaunlichen Phänomen nach, dass Künstler zwar schon immer Licht und Schatten modellierten, ihren Gegenständen aber nur relativ selten gestatteten, einen eigenen Schatten zu werfen.

Wer Gombrich auf seinem Weg durch das imaginäre Museum der Schatten folgt, gewinnt nicht nur auf beiläufige Weise einen neuen Blick für die unendliche Vielfalt der Verteilung von Licht und Schatten, sondern erfährt auch, wie die Künstler damit arbeiten. Und er wird zu eigenen Entdeckungen beim Betrachten von Bildern angeregt.”
(Text: Verlag Klaus Wagenbach)

Super Buch, mehr muss man dazu nicht sagen.

Oder doch, eines:
Gombrich ist ein Wissenschafter alter Schule. Zuerst sind die Gedanken da, bevor dann die Sprache ins Spiel kommt, die sie transportiert.
Bei jüngeren Kollegen scheint eine Gefahr, und eine Bequemlichkeit, darin zu liegen, dass jeweils eine bestimmte Sprache in Mode ist, die sich gleichsam selber spricht – am besten in Hülsenform.

Dies gilt aber nicht für, zum Beispiel …

Marianne Betz


… die ein halbes Jahrhundert nach Gombrich geboren wurde und als Professorin für Musikgeschichte an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy” Leipzig lehrt.
Nicht Halbschatten, Schlagschatten und Schattenlosigkeit sind ihr Thema, sondern die Stille, die ja auf ihre Weise auch einen modellierenden, konturierenden Effekt hat.

Ein Buchhändler wird mit dem hier vorzustellenden 8 Euro-Bändchen sicher nicht reich werden (im Umkehrschluss: der Käufer nicht arm), aber doch glücklich damit sein, denn es bietet eine anregende Lektüre, ist sehr schön gemacht (einer der Herausgeber der allaphbed-Reihe ist Günter Karl Bose, Mitbegründer und -namenspatron des Verlags Brinkmann und Bose, ein Meister der Buchkunst), und es behandelt ein Thema, das für Musikinteressierte, Freunde der Kunst und des Theaters gleichermaßen relevant ist. Denn da, wo die Musik schweigt, ist die Grenze zur bildnerischen oder szenischen Darstellung berührt.

Betz, Stille

Die allaphbed-Reihe, hier der Band 7, benannt nach einem Zitat des verrückten Joyce, vermutlich aus Finnegans Wake: „(Stoop) if you are abcedminded … in this allaphbed!”

Als instrumentales Theater kann z. B. das Stück 4’33“ (1952) von John Cage angesehen werden, dessen drei Sätze mit „Tacet” bezeichnet sind. In einer späteren Version aus dem Jahr 1962, „Solo to be performed in any way by anyone”, lautet die Spielanweisung: „In a situation provided with maximum amplification (no feedback), perform a disciplined action”.
Die Uraufführung des Werks erfolgte durch den Pianisten David Tudor, der den Klavierdeckel aufklappte, für die Dauer des jeweiligen Satzes aufgeklappt ließ und wieder zuklappte. Die Musik kam von außen („Unruhe im Publikum, Lachen, Husten, Straßengeräusche etc.”), geräuschvoll und doch still, denn, so Cage:
„No silence exists that is not pregnant with sound.”

Marianne Betz erklärt 4’33“, das eine Inkunabel der Musik nach 1945 ist – alles andere als ein musikalischer Scherz – aus dem Geist des Zen-Buddhismus, dem Cage nahe war (was ihm übrigens die Kritik seines Kollegen Ligeti einbrachte, der meinte, man müsse, um Cage hören zu können, seine Geisteshaltung teilen).

Cages Tacet-Stück erwies sich als äußerst folgenreich, vor allem hinsichtlich der endgültigen, vom Futuristen Luigi Russolo vorbereiteten, Emanzipation des Geräuschs, die neben der Emanzipation der Dissonanz in der Musik der Zweiten Wiener Schule, speziell bei Arnold Schönberg (dessen Schüler Cage war), die zweite große Errungenschaft der Musik des 20. Jahrhunderts ist.
Damit ist 4’33“, auch musikhistorisch betrachtet, ein hervorragendes Beispiel für die Leere als ein „Nichts voll unbegrenzter Möglichkeiten”, eine „Leere voll unerschöpflicher Inhalte” (Daisetz Teitaro Suzuki, zitiert von Betz).

Marianne Betz, Stille – hörbares und sichtbares Moment in der Musik. Vortrag an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Herausgegeben von Julia Blume und Günter Karl Bose. 40 Seiten mit 7 Abbildungen [Noten- und Textbeispiele von Erwin Schulhoff, Christian Morgenstern, Man Ray, Alphonse Allais, John Cage, Earle Brown; Pausenzeichen des 13. bis 16. Jahrhunderts ], Broschur, Fadenheftung. 14,5 x 23,3 cm. Institut für Buchkunst, Leipzig 2000. 8,00 Euro

Nachtrag

R., der auch ganz begeistert von dem Büchlein über die Stille war, stellt im folgenden seine private Lesenotiz zur Verfügung. Der Hotlistblog dankt.

„Ich hatte in der U-Bahn in Marianne Betz’ Vortrag Stille gelesen. Darin ist auch von Alphonse Allais die Rede, der 1883 (neben anderem) einen „Trauermarsch für das Begräbnis eines großen, tauben Mannes” ausgestellt hatte: 24 leere Takte, „ohne jegliche Information, nicht einmal zum Zählen”.

Eine Übertragung dieser Idee fand ich, kaum hatte ich mein Fahrtziel erreicht, auf dem Mariendorfer Damm. An einem Lichtmast war ungefähr auf halber Höhe ein Rahmen angeschraubt. Eine Strebe schnitt das leere Geviert in zwei verschieden große Flächen, deren größere vielleicht ein Werbeplakat und deren schmalere eine Telefonnummer präsentieren konnte. Sie gaben den Blick frei auf den Ausschnitt einer Häuserfront, auf ein vogeldurchflitztes Stück Himmel … Sie konturierten auch, und das war doch erstaunlich, die Straßengeräusche, in deren geordnetem Strudel sich meine Vorstellungen von Harmonie und Krach verwirrten.

So ist es selten.

Den Stadtlärm zu ertragen, braucht es Nerven wie Drahtseile.”

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