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Alle zehn Jahre sichte er sein Archiv und verkaufe Manuskripte, Notizbücher, Zettel und bekritzelte Metrofahrscheine an gierige Sammler. Er könne die Arbeit nicht allein schaffen und stelle ihn deshalb für zehn Tage ein, gegen gute Bezahlung: so spricht der Samuel Beckett in Martin Pages witzigem, geistreichem Buch zu seinem neuen Assistenten, der sich über die Nebentätigkeit in Diensten eines so berühmten und verehrten Schriftstellers freut.

Die Arbeit ist schnell getan, der Assistent zu seiner Zufriedenheit ausgezahlt, doch die zehn Tage sind noch nicht um. Beckett, großzügig zwar, aber nicht verschwenderisch, besteht auf Erfüllung des Vertrags, und so beginnt der große Schwindel: Auf einer Einkaufstour durch Paris wird ‚falsches‘ Archivmaterial beschafft und, nach geeigneter Präparierung, zu den echten Archivalien gepackt.

„Construire des archives n’est pas l’affaire d’une vie, mais (si on s’organise bien) de quelques jours“, hält der Erzähler unter Datum vom 1. Juli 1985 in seinen Notizen fest, ganz zu Beginn seines Engagements, das sich – aber das weiß er da noch nicht – bis Oktober erstrecken wird:

„Archive zu kreieren ist keine Aufgabe fürs Leben, sondern bloß für ein paar Tage (wenn man sich gut organisiert).“

Bienenzucht nach Samuel Beckett entstand während eines Aufenthalts Pages in der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart, 2009/2010. Der Autor schreibt in seiner Danksagung, es sei eines seiner schönsten Jahre gewesen – ein Glück, das sich beim Lesen mitteilt.
Übersetzer ist Gernot Krämer, stellvertretender Chefredakteur von SINN UND FORM und im letzten Jahr Mitglied der Jury für den Preis der Hotlist. / mr

Page, Bienenzucht

„Das Tagebuch eines bislang unbekannten Assistenten Samuel Becketts wird nach einem Lagerhallen-Brand zwischen Becketts nachgelassenen Manuskripten und Dokumenten aufgefunden. […] Der Erzähler entfaltet spielerisch einen wunderbar ironischen Diskurs über Künstlerdasein und -kult sowie die Problematik von Werkinterpretationen. Eine Künstlernovelle voller Leichtigkeit und Ironie, zugleich eine Hommage an Beckett und eine Anleitung zum Lesen.“
(Text: Edition Solitude)

Martin Page, geb. 1975 in Paris, lebt und arbeitet als Schriftsteller ebenda. Seine Romane und Kinderbücher wurden weltweit übersetzt (im deutschsprachigen Raum zuerst bei Wagenbach, wo aber nur noch Antoine oder die Idiotie lieferbar ist). Für seinen Roman La disparition de Paris et sa renaissance en Afrique erhielt er 2010 den Prix Ouest-France Etonnants Voyageurs.

  • Martin Page, Bienenzucht nach Samuel Beckett. Aus dem Französischen von Gernot Krämer. 80 Seiten, Paperback. Edition Solitude, Stuttgart 2011. 15,00 Euro (Reihe Literatur)
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