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Der Wege, wie Bücher und Leser zusammenfinden, sind viele. Neulich war ich mit Freunden im Theater. Anschließend gingen wir noch zur Kulturbrauerei, wo am gleichen Abend eine Lesung mit Schweizer Autoren stattfand. Ich kannte sie nicht persönlich, aber weil ich jemanden kannte, der sie kannte, lernte ich sie dann auch kennen. Der kleine Pulk, der vor der Literaturwerkstatt stand, wie eben Leute nach Veranstaltungen noch stehen, machte sich schließlich auf den kurzen Weg zum Inder. Wir aßen, tranken, zahlten und kehrten anschließend, nur noch zu viert, in einer Raucherkneipe ein, wo wir bei einem Bier saßen und qualmten, alles ganz gesittet, selbstverständlich.
Als ich aufbrach, gab mir der übrig gebliebene Schweizer, Michael Fehr – er sprach ein sorgfältiges Bernerisch -, sein Buch mit auf den Weg, das ich noch am selben späten Abend zu lesen anfing, mit jeder Seite mehr bedauernd, die Lesung versäumt zu haben.

Fehr, Kurz vor der Erlösung

Michael Fehr, Kurz vor der Erlösung

„Während in der Hauptstadt die Glocken der Kathedrale schlagen, macht ein Bauer im Schein der Lampe eine unerwartete Entdeckung im Stall. Ein Männerchor stimmt in der Gaststube ein Lied an. Ein König auf seinem Kamel folgt einem Sternenschweif. Ein scheinbarer Fischer betrachtet eine eisige Strömung.

Michael Fehr versammelt in seinem Debüt unterschiedlichste Menschen und Gruppen „kurz vor der Erlösung“. Er nimmt uns von Schauplatz zu Schauplatz mit, zum Fusssoldaten, zu Josef und Maria, zur Musikgruppe auf der lottrigen Bühne genauso wie zur Musikgruppe im Fernsehstudio, zur Familie beim Essen bis hin zur Organistin und zum Pastor. Sie alle sind in Anspannung, ja hoffnungsvoller Erwartung und „melodieren und modulieren“ jede und jeder für sich.

Getragen wird Michael Fehrs Geschichte von einer bemerkenswert eigenwilligen und mutigen Sprache: Geduldig umkreist Fehr Wort für Wort, Zeile für Zeile und eben Satz für Satz seine Szenen und Figuren. Und meint man sich durch die Sprache zuweilen von den unheimlich vertrauten Begebenheiten schon weit entrückt, so verhelfen uns die Variationen und Modulationen doch immer wieder zu unerwarteten Eingängen in die Geschichte mit ihren 17 Geschichten. So folgt man dieser vielstimmigen Erzählung, ob laut oder leise lesend, wie man es sonst nur von der Musik kennt.“
(Text: Der gesunde Menschenversand)

Fehr ruckelt und zuckelt an den dialektal eingefärbten und angerauhten Sätzen, um das Erzählte mit größtmöglicher Genauigkeit zu Papier, zur Sprache, zu bringen. Poetische Feinmotorik wie in Weiss‘ Der Schatten des Körpers des Kutschers oder in Handkes Die Hornissen (aber anders), überhaupt nicht öde oder angestrengt (so wenig wie bei den genannten), sondern kauzig und witzig, sinnenhaft elementar und musikalisch, in einer Sprache, die nicht abgehaspelt und glatt, sondern widerhakend, urtümlich, wie mit Straßendreck behaftet, ist. Dabei geht es in dieser überraschenden Neuerzählung der Weihnachtsgeschichte nicht um street credibility, sondern um literarische Glaubhaftigkeit. Kurz vor der Erlösung besitzt sie in hohem Maße. / mr

Michael Fehr, Kurz vor der Erlösung. Siebzehn Sätze. Mit einem Nachwort von Stefan Humbel. 144 Seiten, Klappenbroschur. Der gesunde Menschenversand, Luzern 2013 (2. Auflage). 17,00 Euro (= edition spoken script Bd. 10)

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Ein Kommentar zu “Michael Fehr, Kurz vor der Erlösung

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