Home

muetzeurs – was wie ein französischer Plural aussieht, ist zu lesen als Mütze, Urs. Mütze hat Urs Engeler seine neue Zeitschrift getauft, die nach zwanzig Jahren voller Staunen die „Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik” Zwischen den Zeilen ablöst, die legendär zu nennen ich nur deswegen zögere, weil es vielleicht eher Urs Engeler selbst ist, dem dies Prädikat zuzusprechen ist. Der in Solothurn ansässige Verleger hat sich als sicherer Kantonist in der Welt der Literatur bewährt. Es ist noch nicht lange her, da überraschte er mit einem Reihenkonzept, das jedenfalls mich in seiner kühnen gestalterischen Reduktion und Radikalität an Willy Fleckhaus‘ Geniestreich Nr. 2, die edition suhrkamp, erinnerte – die roughbooks waren (und sind) ein Wurf. Nun also die Mütze, die sich, anders als Zwischen den Zeilen, nicht ausschließlich der Poesie widmet, sondern auch die Prosa berücksichtigt. In der Startnummer kommt sie in drei Versionen vor.

Das delirierende „Brouillon [Entwurf, Skizze, Konzept, Anm. M.R.] zu einer Phantasie über Feuer und Sprache” von Werner Hamacher eröffnet das Heft. Dieser, neutral gesagt, hochmütige Gruß an den belgischen Schriftsteller Jean Daive (geb. 1941) ist nicht dumm, keineswegs, aber er versucht etwas Unmögliches, nämlich die Sprache mit Hilfe der Sprache zu überwinden. Fünf unerträgliche Seiten, virtuos gefügt, haarfeine Sätze, ins Innerste des Innersten vordringend, eine Zündschnur, ein Brand.

Eine Zumutung anderer Art ist der monströse Text von Pierre Guyotat (geb. 1940), Auszug aus dessen 1967 erschienenem Buch Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten, das in der Übersetzung von Holger Fock bei diaphanes erscheinen wird (2014). Die Mütze bietet einen Auszug, voller Grausamkeit und Schrecken, aus dem ersten von sieben „Gesängen”.

Im Zusammenhang mit einem anderen skandalösen Buch der französischen Literatur (Die elftausend Ruten von Guillaume Apollinaire, 1907 erschienen) schrieb Elisabeth Lenk:
„Eine künstlerische Phantasie, die die in einer Gesellschaft vorhandenen destruktiven Tendenzen auskomponierte, noch ehe sie historisch wirksam würden, wäre […] lebenswichtig. Dies will jedoch die praktische Moral der Gesellschaft nicht wahrhaben. Kaum wird die Bestialität, die sie als latente, jederzeit kollektiv mobilisierbare Möglichkeit in sich trägt, ihr durch die Kunst vorgeführt, fühlt sie sich verletzt.”

Eden, Eden, Eden, der 1970 erschienene vierte Roman Guyotats, wurde verboten.

Und noch ein Skandalon, dies Mal verlagspolitischer Natur.
Günter Plessow hat Faulkners Absalom, Absalom! (1936) neu übersetzt. Aus rechtlichen Gründen darf Plessows Übersetzung, die sich „besonders darum bemüht, Faulkners harsche Syntax nicht zu glätten”, nicht veröffentlicht werden. Auf dem Markt nach wie vor nur die angejahrte Erstübersetzung von Hermann Stresau (von 1938).

Und Engeler? Kreuzt die Finger, respektiert das Verbot und druckt eine 20-seitige Textexegese Plessows, die „nur vorzuführen versucht, wie Faulkner einen Spannungsbogen anlegt”. Das ist sehr interessant und macht Lust auf das Buch – und auf die Fortsetzung der (mit Rolf Vollmann zu sprechen) Plessowschen Romanverführung.
„Hier brechen wir ab. Für diesmal.”

Die Wiederbegegnung mit dem ebenso brillanten wie witzigen Tim Turnbull, dessen Gedichte, in Auswahl, 2010 unter dem Titel Es lebt als roughbook # 1 erschienen sind, ist ein Grund mehr, die Mütze freudig zu begrüßen. Hier gibt’s sieben neue Gedichte, übersetzt von Dagmara Kraus, die zuletzt mit einem eigenen Gedichtband, kummerang, hervorgetreten ist und auch als kongeniale Übersetzerin von Miron Białoszewski ihre Visitenkarte abgegeben hat.
Wie sie hier – um nur zwei klitzekleine Beispiele zu nennen – „Fat Willy’s House of Mirth” mit „Fettis Freuhaus” und, kess, „The boss / packs up her bags” mit „Die Bössin packt ihr Zeug / zusammen” übersetzt, ist ebenfalls ganz wunderbar. Turnbull kann sich nicht beklagen über seine deutsche Stimme.
Die Zitate sind dem Gedicht „On Comedy” / „Komödie” entnommen, einem der stärksten.
Hervorzuheben auch, und passend zum jüngst (19.9.) gefeierten 25. Geburtstag des Smiley-Emoticons, das Gedicht „Smile”: „I question your intelligence and taste / but add, to show that it was done in jest, / a little animated smiley face.”

Turnbulls Gedichte schreiben klassische Formen fort und machen sie zugleich vergessen. Ganz anders Simone Kornappel. Ihre Gedichte „cellophon”, „pardon et al” und „muxmäuschen” können, bezogen auf die technoid anmutende graphische Darstellung, als Computertexte bezeichnet werden. Mit den Herzen und Sanduhren der barocken Figurendichtung haben sie nichts gemein. Wollte man überhaupt nach phänotypischen Ahnen in der Vergangenheit suchen – man würde eher bei M. C. Escher oder in der Op-Art fündig werden.

Das Gedicht "muxmäuschen" von Simone Kornappel, abgedruckt in der ersten Ausgabe der Mütze

Das Gedicht „muxmäuschen“ von Simone Kornappel, abgedruckt in der ersten Ausgabe der Mütze

„cellophon”, ebenso wie „pardon et al” tetraederförmig angeordnet, ‚beschreibt‘ eine Konzertsituation.
„flügel / türen. […] dahinter / staut sich anstand. beine. artig überschlagen. / dürers handapparat d. h. applaus[.]”, überblendet Kornappel Dürers Betende Hände mit den applaudierenden Händen des Konzertpublikums – ein satirischer Kommentar zur Musikfrömmigkeit des gebildeten Bürgertums (oder was davon übrigblieb, von der Musikfrömmigkeit, vom Bürgertum, von der Bildung).
Die „flügel / türen” werden nicht nur deswegen auf diese Weise aufgeklappt, um sie mit den Mitteln des Gedichts und seiner Typographie ‚abzubilden‘, sondern das Wort oder der Wortbestandteil „flügel” zitiert auch das bürgerliche Instrument par excellence, das Klavier.
Vielleicht meint „pneumatik der gesten” das Heben der Arme eines Pianisten?
Die Celli – das titelgebende „cellophon” klingt an das Kolophonium an, mit dem die Rosshaare des Bogens bestrichen werden, damit er gut über die Saiten fährt – werden ihrer weiblichen Form wegen als „mädchen” bezeichnet:
„in den cellokoffern. rumor […] / fliegen deckel auf. die mädchen / treten aus dem innern.”
Und später: „rücklings fallen peu à peu / die mädchen sachte in / die koffer.”
Das ist luftig, hat Poesie, doch gibt es auch die harten Konturen stark vergrößerter und verlangsamter Bildsequenzen:
„beifall. arme. / flimmerhaare. / in bewegung / abgeworfenes an blumen.”

Innovativ scheint mir an Kornappels Gedichten vor allem zweierlei. Zum einen die von ihrer geometrischen Form bedingte variable Gestaltung der Verslänge. Zum anderen, teilweise damit zusammenhängend, eine Öffnung der eingefahrenen Textwahrnehmung des Lesers, ein Schrauben an der Lese(vor)richtung.

Kornappel trägt ein aleatorisches Prinzip in ihre Texte, das gleichzeitig konstruktiv und dekonstruktiv ist, wenn z. B., wie in „muxmäuschen”, die Versorganisation (in Form eines Plattentellers) so ist, dass der Leser die Freiheit hat, „die nadel nur an immergleicher stelle anzusetzen”, nämlich vom fett gedruckten Titel ausgehend lesend, oder aber sie – sprich: das Auge – tanzen zu lassen, nur einzelne Segmente abzuspielen, oder gar da zu beginnen, wo die Musik zu Ende ist und in das „stillstillstill” der Auslaufrille mündet.

Bei luxbooks wird – ein fester Termin steht noch nicht fest – Simone Kornappels erstes Buch, Raumanzug, erscheinen. Bis es soweit ist, empfehle ich die drei spacigen Gedichte in der Mütze.

Bestellen können Sie die Mütze hier.

Advertisements