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Deutsche Bücher – türkische Autoren. Verlag binooki in Kreuzberg

von Frauke Hinrichsen

Neulich ist sie in eine Buchhandlung gegangen und hat nach einem Roman aus dem Verlag binooki gefragt. Als die Händlerin das Buch fand, hat sich Inci Bürhaniye gefreut wie ein Kind. binooki ist ihr Buchverlag. Vor fast genau einem Jahr hat Inci Bürhaniye den Verlag zusammen mit ihrer Schwester Selma Wels gegründet.

„Manchmal kann ich es immer noch nicht glauben, dass wir jetzt Verlegerinnen sind“, sagt Inci Bürhaniye. „Es ist so wahnsinnig viel passiert im vergangenen Jahr“, sagt ihre Schwester Selma. „2011 waren wir noch als Besucherinnen auf der Leipziger Buchmesse, jetzt im März als Verlegerinnen mit vier eigenen Buchtiteln.“ binooki haben sie ihren Verlag genannt, weil ihnen das Wort gefiel. Binoki heißt so viel wie Zwicker oder Monokel, das zweite O ist Fantasie.

Ihre Verlagsräume haben die beiden Frauen im ersten Stock eines Mietshauses in der Köpenicker Straße in Kreuzberg. Dort, in hohen Regalwänden, stehen ihre Bücher, mit Covern in Gelb, Schwarz, Grün und Rot. Es sind Werke türkischer Autoren in deutscher Sprache.

Gegründet haben Inci Bürhaniye und Selma Wels ihren Verlag, weil im deutschen Buchhandel eine Lücke klafft: Es gebe nicht sehr viel Auswahl an zeitgenössischer türkischer Literatur und Werken junger türkischer Autoren in deutscher Sprache, sagen sie.

Immer, wenn sie deutschen Freunden von türkischen Autoren vorschwärmten, hätten sie ihnen sagen müssen, dass es die Bücher leider nicht auf Deutsch gebe, sagt Inci Bürhaniye. „Mein Türkisch wiederum hat nicht ausgereicht, um einen ganzen Roman entspannt auf Türkisch zu lesen“, ergänzt ihre Schwester Selma Wels.

Die Eltern von Inci und Selma waren 1965 aus der Türkei nach Pforzheim gekommen. Dort wurde Inci geboren. Sie lernte zwar von klein auf Deutsch, ihre Eltern brachten ihr aber auch noch die türkische Sprache bei. Selma hingegen kam zwölf Jahre später zur Welt als Inci – da wurde zu Hause schon viel weniger Türkisch gesprochen.

Ihre Enttäuschung über den Mangel an deutschsprachigem Lesestoff wurde zur Geschäftsidee. Intuitiv und nach ihrem Geschmack suchten die beiden Schwestern die ersten vier Buchtitel aus:

Mit Oğuz Atays Warten auf die Angst haben sie einen in der Türkei sehr populären Klassiker in ihr Programm aufgenommen.

Söhne und siechende Seelen von Alper Canıgüz wiederum ist eine schräge Erzählung aus der Perspektive eines Kindes.

Bei Behzat Ç. – jede Berührung hinterlässt eine Spur handelt es sich um einen Krimi von Emrah Serbes.

Und Die Begleitung ist der Erstlingsroman der Istanbulerin Yazgülü Aldoğan. Er erzählt von einer Journalistin, die sich einen Mann mietet und im Gefühlschaos landet.

Länger als im Original

„Wir lesen gerade sehr viel, um die nächsten Titel auszuwählen“, sagt Selma Wels. Und fügt hinzu: „Inzwischen klappt das auch schon ganz gut bei mir auf Türkisch“. Die deutschen Übersetzungen sind ungefähr ein Fünftel länger als die türkischen Originale. „Für viele türkische Wörter gibt es nicht einfach ein deutsches Äquivalent“, erklärt Selma. „Das türkische Wort Yakamoz zum Beispiel bedeutet ‚das Mondlicht, das auf dem Meer schimmert‘.“

Die 33-jährige gelernte Betriebswirtin Selma Wels hat vor der Verlagsgründung für Theater- und Fernsehproduktionen gearbeitet. Ihre ältere Schwester Inci Bürhaniye ist Anwältin für Handels- und Gesellschaftsrecht mit eigener Kanzlei. Da ist es naheliegend, dass sich Inci um Vertragsdetails und Lizenzen kümmert. Selma wiederum ist zuständig für alles, was mit Online-Kommunikation und Internet zu tun hat. Alle wichtigen Entscheidungen und die Auswahl der Bücher treffen beide Schwestern gemeinsam.

Gerade haben sie den nächsten Druckauftrag verschickt – für den zweiten Teil des Krimis in ihrem Programm. Viele Deutsche ohne jegliche Türkischkenntnisse kaufen die Bücher genauso wie Türkischstämmige, denen es leichter fällt, sie auf Deutsch zu lesen.

In der Köpenicker Straße haben sich die beiden Schwestern von Anfang an wohlgefühlt, nur eine Häuserreihe von der Spree entfernt. „Wasser zieht mich einfach magisch an und inspiriert mich“, sagt Inci. Neulich hat sie ihre Kinder zum ersten Mal nach Istanbul mitgenommen und ihnen den Bosporus gezeigt. Ihre Schwester Selma hat sich fest vorgenommen, ihren Kindern einmal von Anfang an neben Deutsch auch Türkisch beizubringen, obwohl ihr Mann diese Sprache nicht beherrscht. „Da muss er dann durch“, sagt sie mit einem schelmischen Lächeln.

„Klischeefreie Zone“ stand noch groß an ihrem Messestand in Leipzig. Damit wollten sie deutlich machen, dass es ihnen nicht um irgendwelche Deutschland- oder Türkeibilder geht, sondern um gute Literatur. Nach ihrem erfolgreichen Debüt auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr bereiten sie sich jetzt auf die Buchmesse in Frankfurt am Main vor. binooki werde künftig um die zehn Titel pro Jahr veröffentlichen, haben sich die Schwestern vorgenommen.

Autorinnen und Autoren, die sie selber lieben, verleihen sie eine deutsche Stimme. Und das, da sind sich die Schwestern einig, „macht ganz schön glücklich“.

Dank an Frauke Hinrichsen.

Der Beitrag erschien am 9.7.2012 in der Berliner Zeitung.

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