Home

New York ist zu teuer geworden, viele New Yorker Künstler weichen nach Berlin aus und machen hier ihr Ding. Doch halt! John Holten, der zusammen mit Ida Bencke (Verlegerin), Line Madsen Simenstad (Verlegerin) sowie dem Graphikbüro F.U.K. Laboratories (siehe unten) den Verlag Broken Dimanche Press bildet, ist Ire.

Wäre das also schon einmal geklärt.

Die mehrsprachig ausgerichtete Broken Dimanche Press stellt sich auf ihrer Website vor als „Fictional platform taking various forms, focused on the creation of steadfast and beautiful book-objects through book-projects with artists, writers and political agents with collaboration from F.U.K. laboratories™” – wobei das Kürzel F.U.K. (es erinnert an das F.C.U.K.-Label [French Connection United Kingdom]) für „Forever Under Konstruction” steht, ein sehr gut zu Berlin passender Name.

Stéphane Mallarmé / Brian Larosche, Un coup de 3 dés

Stéphane Mallarmé (1842-1898). Photographie von Nadar

Stéphane Mallarmé (1842-1898). Photographie von Nadar

Eines dieser schönen Buchobjekte ist eine aufrecht in kein Regal passende Ausgabe von Stéphane Mallarmés Gedicht Un coup de dés jamais n’abolira le hasard (1897), zu Deutsch: „Ein Würfelwurf wird niemals den Zufall aufheben.” Der Titel selbst, vor allem die auf Futurismus und Dada vorausweisende typographische, ‚räumliche‘ Gestaltung, die Mallarmé gewählt hat, haben Brian Larosche zu seiner 3D-Version des Textes inspiriert, die, pfiffig und sinnreich, unter dem abgewandelten Titel Un coup de 3 dés vorliegt; zur Edition gehört auch eine 3D-Brille.

Ann Cotten / Kerstin Cmelka, I, Coleoptile

Ein weiterer Coup, und eine gute Idee, Ann Cotten dafür zu gewinnen, einen Gedichtzyklus auf Englisch zu schreiben.

Cotten ist in den USA geboren, kam aber früh in den deutschen Sprachraum.
Wien. Berlin.
Ich stelle mir vor, dass sie ein Wunderkind war.

I, Coleoptile heißt das Auftragswerk, das neben Cottens Gedichten und Kürzestprosa s/w-Photographien und Illustrationen von Kerstin Cmelka enthält.

„Koleoptile” ist ein Terminus aus der Botanik für: „Schutzorgan für das aufgehende erste Blatt bei den Monokotyledonen.” (Wikipedia, aufgerufen am 25.7.2014)

Das ist so konkret, dass es sich als Abstraktion eignet.

Verlagssignet der Broken Dimanche Press

Yves Klein, „Le Saut Dans Le Vide” (1960) – Signet der Broken Dimanche Press

Jan Pollet hat I, Coleoptile eine ausführliche Kritik gewidmet.
Ich greife zwei Passagen heraus, die den Titel erhellen. Den vollständigen Originaltext können Sie hier lesen, eine Teilübersetzung ins Englische von Jeroen Nieuwland hier.

Het gaat hier dus om een omhullende vorm die volledig ten dienste staat van een ontluikend organisme. Of met een parafrase: I, Coleoptile – Ik, Coleoptiel – ben slechts het voorlopige omhulsel van een gave boon-in-wording. Het is verleidelijk om hierin een metafoor te zien voor het vergankelijke lichaam versus de eeuwige ziel.”

„Es handelt sich hier also um eine umhüllende Form, die vollständig im Dienst eines aufblühenden Organismus steht. Oder, mit einer Paraphrase: I, ColeoptileIch, Koleoptile – bin nur die vorläufige Hülle einer makellosen, im Werden begriffenen Bohne. Es ist verführerisch, hierin eine Metapher für die Vergänglichkeit des Leibes im Gegensatz zur Ewigkeit der Seele zu sehen.”

Pollet führt weiter aus:

cover finalOp de flaptekst presenteert Cotten het boek als een studie over de ‚green bean’ (snijboon) waarvan de vorm ‚is not public or private, neither phallic nor vaginal; if anything, it resembles the vague idea of a soul or astral body […].’ Een platonische interpretatie dringt zich op: als de gave, groene boon model staat voor de ziel, dan is het coleoptiel het symbool van het beschermende maar ook belemmerende lichaam.”

„Im Klappentext präsentiert Cotten das Buch als eine Studie über die ‚green bean’ (Schnittbohne). Deren Form ‚is not public or private, neither phallic nor vaginal; if anything, it resembles the vague idea of a soul or astral body […]’.
Eine platonische Deutung drängt sich auf: Wenn die makellose, grüne Bohne als Modell für die Seele dient, dann ist die Koleoptile das Symbol für den beschirmenden, aber auch behindernden Leib.”

Es würde lohnen, Pollets Kritik vollständig ins Deutsche zu übersetzen. [Dies ist inzwischen geschehen, s. hier. Hingewiesen sei außerdem auf meinen Essay „Stolterfoht, Ames, Cotten, Genschel. Vier ‚Experimentelle’” in der Gegenstrophe 5, Anm. 25.7.2014] Kürzer ist der Weg zum Buch.

Shane Anderson, Études des Gottnarrenmaschinen

Zum Schluss ein Hinweis auf die jüngste Publikation der Broken Dimanche Press. Es handelt sich um das Debüt von Shane Anderson, 1982 in den USA geboren und seit 2005 in Berlin lebend. Anderson schreibt Lyrik und Prosa und arbeitet auch als Übersetzer (u. a. von Uljana Wolf).

Études des Gottesnarrenmaschinen umfasst drei Texte, in denen Anderson den Ehrgeiz entwickelt, die Grenzen von Fiktion und Poesie auszuweiten.

„In this collection the reader moves from a Rome both ancient and modern to a reconfigured world of global travel, and on to a unique, philosophical examination of translation, rationalism and the possibility of the transcendent. Instead of being envious of the video game as the site of literary potential, Anderson has boldly taken on the form in the first piece of this collection, ‚Failed Proposals’, and what we get as the result is the closest one can come to having a Playstation story that Barthelme or Perec would be happy to sit down and play.”

„In dieser Sammlung bewegt sich der Leser von einem zugleich alten und modernen Rom hinein in eine neu konfigurierte Welt globalen Reisens, und kommt bei einer einzigartigen philosophischen Untersuchung aus, die sich den Fragen der Übersetzung, des Rationalismus und der Möglichkeit von Transzendenz widmet. Anstatt neidisch zum Videospiel hinüberzuschielen – als der Spielwiese, auf der sich das literarische Potential austoben kann – greift Anderson in ‚Failed Proposals’, der ersten Erzählung des Bandes, kühn die Gameform auf. Das Ergebnis ist die größtmögliche Annäherung an eine Playstationgeschichte – Barthelme und Perec würden happy sein, nach der Konsole zu greifen und loszuspielen.”

Wer in Berlin wohnt, findet die Bücher und Objekte der Broken Dimanche Press bei Motto, Skalitzer Straße 68, im Hinterhof, U-Bahn Schlesisches Tor, könnte aber auch bei Saint George’s fündig werden. / mr

Bibliographische Hinweise

Stéphane Mallarmé / Brian Larosche, Un Coup de 3 Dés. Französisch. 28 Seiten, Großformat (35 cm x 50 cm), + 3D Brille. Auf 200 numerierte Exemplare limitierte Auflage. Broken Dimanche Press, Berlin [ohne Jahreszahl]. 20,00 Euro

Ann Cotten / Kerstin Cmelka, I, Coleoptile. Englisch. 88 Seiten, Französische Broschur, 12,7 cm x 18,4 cm. 25 s/w-Photographien, 2 Illustrationen. Broken Dimanche Press, Berlin 2010. 12,00 Euro

Shane Anderson, Études des Gottnarrenmaschinen. Englisch. Mit einem Nachwort von Daniela Seel. 120 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag, 12,7 cm x 18,4 cm. Mit Illustrationen von Eilis McDonald. Broken Dimanche Press, Berlin [Juni] 2012. 12,00 Euro

Advertisements