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schlitzlicht das
auf die wortkante fällt
Susanne Eules

von Theo Breuer

Mnemosyne

Aus den Tiefen der Erinnerung steigt, unvermittelt, hell und klar und wunderbar, ein Kinder­spiel auf, das wir zumeist auf dem Vorhof der alten Schmiede in Bürvenich spielten: „Mutter, wie weit darf ich reisen?”
Wehe, wenn man nach der Antwort der ‚Mutter‘, im Wechsel verkörpert von Annemie, Gisela und Leni, im Freudentaumel über die unerwartete Großzügigkeit (die eher heimtückischer Natur war, wie man gleich feststellen wird), brav das zwingend obligatorische „Darf ich?” zu fragen vergaß, dann hieß es, erbarmungslos, wie auch Tamino und Papa­geno es in der Zauberflöte empfinden, als die Geharnischten sie an den Türen zum Tempel Sa­rastros
abwei­sen: Zurüüück. – – –

Die Reise geht weiter

„Die Reise geht weiter, die Schreibbewegung geht weiter, und solange das Schreiben den Tod aufschiebt, kann auch das Leben weitergehen. Vollendet ist das Werk, wenn der Essayist es losgelassen, es unvollendet hinterlassen hat”, schreibt Matthias Hagedorn in der E-Mail vom 28. Februar 2012. Selten hat mir jemand so wahr­haftig aus der Seele gesprochen.

fix1Dieser Essay widmet sich, zum einen, dem literarischen Buch­programm des 2011 von Julietta Fix in Hamburg ins Leben gerufenen FIXPOETRY.Verlags,
das mich gleich mit mehreren druckfrischen Büchern vom Hocker reißt, zum anderen schallt die eine oder andere Frage hinsichtlich der Ver­gabe von Literaturpreisen, die sich während der begeisternden Lektüre von Brigitte Struzyks bei FIXPOETRY erschienenem Gedichtbuch alles offen hartnäckig, querköpfig, unduldsam hinter der Stirn plaziert, in den von allerlei Getier bevölkerten Wald im Hinterland hinein.

Dabei sollen, nach längerer Zeit, Bensch, Kraus und Mrs Columbo die Niederschrift dieser Zei­len einmal nicht mit stets so forschen, nachdenklich stimmenden, den Schreibfluß somit hem­menden Einwürfen begleiten. Denn nachdem ich mich in letzter Zeit, zum drittenmal seit Ende 2001, anhaltend in die Lektüre von Büchern W. G. Sebalds vertieft habe, dessen Wörter unablässig im Kopf summen und weiterhin Aufmerk­samkeit einfordern, bleibt mir gar nichts andres übrig – it could become a bit crowded, könnte Diana zurecht monieren –, als die drei nach draußen zu komplimentieren, zumal das Wetter schön ist, der Wald wartet – und bei Kraus die ewige Arbeit:

Euphorie

Als Julietta Fix 2008 fixpoetry · das Portal für Literatur & Kunst grün­dete, ahnte sie wohl selber nicht, daß sie 2011 (nach dem Zwi­schenspiel der lyrischen Lesehefte, die sie von 2008 bis 2010, gemeinsam mit Frank Milautzcki, herausgab) einen Buchverlag gründen würde, in dessen Programm im Frühling 2012 bereits 15 Titel vorzufinden sind. – Ich habe die durchweg bildreich, kunstvoll und mit viel Liebe zum Detail gestalteten Bücher – in der Reihenfolge des Erscheinens – alle gelesen: Den vorläufigen Schlußpunkt setzt also, in den letzten (sehr sonnen­reichen) Tagen des März, Brigitte Struzyks Roman Drachen über der Leninallee, dessen Lektüre mich in eine ähnlich gute Stimmung versetzt, wie ich sie beim Lesen von Susanne Eules’ Gedichtbuch ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags und – primus inter pares – Johannes CS Franks mich gleichsam überwälti­gen­den und eine, wunderbar, schlaflose Nacht bereitenden Remembran­ces of Copper Cream · Erinne­rungen an Kupfercreme · זכרונות של נחושת וקצפת empfinde.

Skepsis

Zunächst überwiegt – Skepsis. Ein weiterer Verlag? Noch mehr Bücher? Oi, oi, oi. Ich, der ich so gern und so leicht und so schnell und so viel lese, verspüre in diesem monumentalen Moment die unheim­liche, unerträgliche Last der Bücher, die ich bereits im Kopf trage, wie Peter Kien, größter lebender Sinologe und Büchersammler und Antiheld in Elias Canettis umwerfendem Roman Die Blendung, sie am Ende verspürt, nachdem er, von der furchterregenden Frau
aus der Wohnung geworfen, alle 25.000 Bücher in den Kopf packt, um sie, von Herberge zu Herberge und Abend für Abend, für die wenigen nächtlichen Stunden wieder auszupacken, um sich in einem furiosen Autodafé-Finale mitsamt der Bücher zu verbrennen. What a book, what a book.

fix4 sebald(Nicht bloß) Tom Schulz spricht vom „mittlerweile beinah unübersichtlichen Konglomerat kleiner Verlage”, betont dabei jedoch, insgeheim vielleicht seufzend: „Jedes neue Buch soll bekanntlich willkommen geheißen werden, wie sehr es irgendwer braucht, mag da zweitrangig sein, und das ist auch gut so.”

Hat Julietta Fix bestimmte Autoren, Manuskripte, Schreibarten im Auge? Lyrik? Prosa? Einzeltitel? Anthologien? Nach­dem ich die ersten Bändchen gelesen habe, denke ich jedenfalls ähnliche Gedanken, wie sie W. G. Sebald 1990 im Gespräch mit Andreas Isenschmid äußert und wie ich sie häufig schon gedacht habe bei der Lektüre zeitgenössischer Lyrik und Prosa:

Ich habe beim Lesen neuer Bücher sehr häufig den Eindruck, daß auch Sprache etwas wird, was weniger wird. Das heißt, daß, sagen wir mal, Jean Paul oder Kleist tatsächlich über mehr Sprache verfügt haben, als wir es heute noch tun, bestenfalls. Das heißt, daß selbst unsere gelungensten literarischen Passagen hinter den wirklich großen Passagen, die Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben worden sind, um einiges nach­hinken. Das hört sich nun natürlich sehr nach einer Laudatio der vergangenen Zeiten an, so ist das nicht ge­meint, es handelt sich hier einfach um einen objektiven Sachverhalt. Die Sprache wird weniger, die Bilder werden mehr. Und die Bilder überlasten uns und lassen uns nicht zum Reden kommen, auch nicht zum Schreiben, und auch nicht mehr zum Lesen.”

„Maßlos“? Maßlos!fix5 hillen

Ein weiterer Verlag? Noch mehr Bücher?
Die Fragen drängen nach vorn und verlangen ernstge­nommen zu werden angesichts der Flut der in den vergangenen Jahren gegründeten Verlage. Wer, um Himmels willen, soll das alles lesen? Ich lese und lese und lese, kenne mittlerweile Bücher aus Hunderten von Verlagen, und wenn ich die Programme von Literaturtagen in Hannover, Berlin, Mün­chen, Leipzig, Wien oder Zürich sehe, stelle ich so amüsiert wie kleinlaut fest, daß ich die wenigsten der ausstellenden Verlage kenne.

Heute, am 29. März 2012, beispielsweise, kommt mit Michael Hillens neuem Gedichtband Frau Röntgens Hand, von Helwig Brunner herausgegeben, erstmals ein Buch aus der 2008 gegründeten Grazer Edition Keiper ins Haus, die mir bislang kein Begriff war.

Zerknirscht erinnere ich den Witz aus den 1960er Jahren, in dem der kölnische Tün­nes dem delatorischen Amerikaner, der alles mit dem Label Made in the USA für besser, grö­ßer, höher, schneller usw. hält, beim Anblick des Kölner Doms entgegenhält, er wisse nicht, was das sei:
„Letzte Woch hät dat Jebäude noch nit do jestande.”
„Maßlos”? Maßlos!

Zu Piet de Moor sagt W. G. Sebald 1992 in diesem Zusammenhang:
Der Literaturbetrieb ist so maß­los, daß man mit sich ausmachen muß, welchen Autor man lohnenswert findet und welchen nicht. Wenn man das nicht macht, ertrinkt man in dem Meer von Geschriebenem. Ich hasse beispielsweise den deutschen Nachkriegs­roman wie die Pest, er ist geschmacklos und verlogen, was mich in meiner Intuition bestärkt, daß Ästhetik und Ethik sich gegenseitig bedingen.”

Weder Erfahrung noch Meinung kann ich teilen: Bislang bin ich of­fenkundig nicht ertrunken, obwohl ich eher zu den Tiefsee-Muschelsuchern gehöre, die, beseelt vom Wunsch, immer wieder die eine Perle zu finden, vorbehaltlos erwartungsvoll jede Muschel öffnen.

This cannot be happening · Erinnerungen an Kupfercreme

„Es krankt ein Großteil der Schreiberei heutzutage daran, daß ohne reale Grundlage losgearbeitet wird, daß die Autoren in ihrem Zimmer vor dem leeren Blatt sitzen und aus dem eigenen Kopf heraus arbeiten wollen. Man kann nicht nur aus dem Kopf heraus arbeiten. Man braucht wie ein Schreiner Bretter, um daraus einen Kasten zu machen.

Der Leser ahnt bereits, von wem die Ansicht stammt, und diesmal ist Volker Hage der­jenige, der Sebald (im Jahr 2000) befragt.

Ich stimme der Aussage jedenfalls zu: Immer wieder erlebe ich ein Buch als anämische Kopfgeburt, aber mir fällt, wenige Tage, nachdem ich diese Stelle in Sebalds Buch Auf ungeheuer dünnem Eis. Gespräche 1971 bis 2001 gelesen habe, das „Kas­ten”-Buch, zu dem der Autor die Bretter unter Einsatz aller Kräfte besorgt, zurechtgeschnitten und gehobelt hat, unmittelbar vor die Füße.
Was wohl würde der römische Bürovorsteher, den Asterix beim Kampf um den Passierschein A 38 mit eigenen Waffen schlägt, nun verkünden? Ganz einfach – Hier ist es doch:

fix6
































Copper Cream

„Assured, as a flood of images sweeps your senses, baring smells and tastes and sounds, sweeping the three slim streams from your consciousness – – –” Remembrances of Copper Cream ist eine aufregende Lektüre, mein Kopf birst (zum Glück beinahe bloß) vor Wörtern, Wörtern, Wörtern, words, words, words, ein Tanz der Sprachen und Bilder, dokumentarisch, elegisch, illusionslos („brittle letters … mother / em­bassy / son / dead … friends drinking in the hall / me not wanting to taint / their liquid conversations / with news of such irrelevance”), ironisch, nüchtern/ernüchtert, „resonating unsavoury thoughts / between a wasted land’s infusions”, in tiefer Nacht blitzt mich permanent dieser grelle helle Flash an – viel mehr noch das düstre Moment, „machines of waste … chipped unsculpted stones …”
Remembrances of Copper Cream · Erinnerungen an Kupfercreme ·זכרונות של נחושת וקצפת ist ein Lyrik, Prosa und Bild amalgamierendes, zwischen Englisch, Deutsch und Hebräisch changieren­des Buch von mehr als einer Erinnerung an Kupfercreme, die die 148 Seiten leitmotivisch / ding­symbolisch durchwirkt, in dem – trotz der heiklen und zu engagierter Auseinandersetzung gera­dezu herausfordernder Thematik Israel und, gleichsam, eingedenk Adrienne Richs Parole „Poetry is not a healing lotion but an emotional massage, a kind of linguistic aromatherapy” – Sprache und Bild in kreativer Korrespondenz die Akzente setzen.
Dabei vermitteln sich Botschaften via Alliteration · Antithese · Assonanz · Katalog/κατάλογος · kataraktischem Monolog · Oxymoron · Paragramm · Repetitio usw. klanglich enorm/exstatisch aufgeladenen, wirklichkeitsgesättigten Wörter, Verse und Zeilen, Graphiken, Striche und Zeichen naturgemäß von selbst.
„Now their songs flow like foam into each other – their songs a parallel diffusion –” scheint, mitten­drin, gleichsam als Motto für dieses großartig geglückte Buch auf.

Mit Volldampf

Der FIXPOETRY.Verlag hat also angefangen, so richtig Dampf zu machen:
Mit Johannes CS Franks Erin­nerungen an Kupfercreme, Susanne Eules’ ůbern růckn des antlantiks den rand des nachmittags und Brigitte Struzyks Drachen über der Leninallee, alle im März 2012 erschienen, steigt der Verlag bereits ein Jahr nach der Gründung in die erste Liga der jungen Literaturverlage im deutschen Sprachraum auf.
Und für die Leser, die der Vergleich mit dem Sport befremden mag (denn Sport ist bekanntlich auch Mord – Literatur etwa nicht?), formuliere ich es so: Das sind Bücher, denen ich nach dem für alle Bücher selbstverständlichen Willkommensgruß so richtig gern Unterschlupf biete in mei­nem kleinen Wörterhaus.
Das sind Bücher, die mich auf- und erregen, die den Meta­bolismus derma­ßen in Schwung bringen, daß ich auf einmal wieder federleicht durchs Dasein schwebe und Mrs Columbo mit Jubelrufen auf die Nerven gehe (hoffentlich nicht …).

Auch Jan Deckers Buch Der Abdecker fix7mit Essay, Lyrik und Prosa schlägt eine ganz eigenwillige Tonart an, deren Sequenzen ich sehr gerne folge.

Christine Hoba ist eine feine Entdeckung mit Gedichten, die mein Interesse anhaltend binden, im selben Buch bringt Christian Kreis das Sowohl-als-Auch der ewigen Di­lemmas im unersättlichen Dasein ganz „einfach“ auf den Punkt:

„Mundraub // Ich werde meine Lip­pen / mit Sekundenkleber bestreichen / dich küssen und dann / einfach fortgehen.“


Spiel

Dass wir uns

zu ihnen setzen während sie weiter philosophieren
mit merkwürdigen Schreien / mit ihrem Gefieder
spielen / die Sonnenuntergangsaugen rollen
ihren wehenden Beinen nachsehn
während fern / fern / etwas anrückt
Mähdrescher blonde Schöpfe absäbeln
Herbstschlag / Schnäbel schnappen Insekten
und das Aroma einer bestimmten Luftschicht
über den Kiefern / unter den Haufenwolken
dass wir uns Kiesel greifen
zwei drei Halme oder im Klecks
aus dem perfekten Anus eines Kranichs lesen

Kerstin Becker

fix8Nicht auf jedes Buch kann ich eingehn, so gäbe es, beispielsweise, zu Kerstin Beckers Fasernackte[n] Verse[n], die besonders im ersten Teil Anklang finden, oder den drei Sammelbänden Brennpunkte, Mehr und weniger, ein Bild von einem Gedicht Gutes zu vermelden, und nicht jedes Buch hinterläßt bleibenden Eindruck (womit ich bei einer Binsen­weisheit wäre), ich hab’s gelesen und mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht, die erwähnenswert wären.
Mund ab­putzen, weiterma­chen, und da bin ich doch schon wieder beim Sport, denn das hat Rainer Cal­mund, der frühere Manager von Bayer Leverkusen, immer mal gesagt, wenn es nicht ganz so gut gelaufen war beim Spiel der beiden Teams auf dem Spielfeld. Das ganze Lesen ist ein Spiel. Leser gegen den Rest der Welt.
So mache sich jeder sein Bild von den Büchern.

Weiterhin: alles offen

Im vergangenen Jahr bereits läßt mich unter den Premiere-Titeln das eine oder andere FIXPOETRY-Buch aufhorchen, dessen Leseeindruck ich in dem am
1. Januar 2012 veröffentlichten Essay „Von Buch zu Buch. Lesezeiten 2011”
kurz festhalte:

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„So weise ich frech auf den Band da kapo mit CS-Gas hin, in dem ich kaltherzblütig aufno­tierte (montierte) Gedichte von Kai Pohl und Clemens Schittko lese, von denen ich mich am 5. De­zember zwi­schen 16 und 17 Uhr frei und willig in die Zange neh­men lasse. Der gemein­schaftli­che Band ist 2011 im Ham­burger FIXPOETRY.Verlag erschienen – wie auch die Anthologie Brenn­punkte mit Gedich­ten von sechs Autorinnen aus der Schweiz sowie Brigitte Struzyks alles offen – – – von wegen ‚alles offen’: Im Gedicht ‚Verkehrt’ heißt es im ersten Vers ‚Verflogen kam der Vogel’ und später (hier klopft Christa Wolf an die Tür): ‚Kein Ort hier, nir­gends offen.’”

ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags

fix3Susanne Eules’ mit Artwork von Korinna Feierabend angerei­chertes explosivlautliches Gedichtbuch ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags ist eine Überraschung in mehrfacher Hinsicht. Kein Wort, ja, kein Buchstabe zuviel, ein elisionischer Zugriff auf die Wörter, wie ich sie von Arno Schmidt und Thomas Kling kenne und schätze, lautet eine der lyrischen Devisen, und während der rasanten Lektüre wird das buchstäblich zei­chenhaft p.unk.t.gen.au.e Hervorkitzeln der Vexierbilder in den Wörtern mit einfachstem Mittel, so unmittelbar wie gestochen scharf, vor Augen geführt.

Ich lese ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags im Februar 2012, als ich mit der Herausgabe einer Friederike Mayröcker gewidmeten Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix befaßt bin, und unvermittelt fällt mir, auf Seite 78, dieses Gedicht vor die Füße, was, nicht aus Matrix-Gründen bloß, einen Endorphinschub auslöst:

my.røck.ern

wie schneeglattes wie eispapier
reib schrei.bf.låche(l)n icerink
  die feder die d.rau.f tanzt & f.liegt
pirouetten wie fing.erlåufe

auf elfen.beint.ast.en schrilltriller
fuge kontra.punk.t die un.terliegende
stimme filzhåmmer auf drahts.eilen
dieses erglimme(r)n von g.old.nen

bergen : ne w.ander.poet.in.
das fr.agile høren : s.tal.ak.titten &
s.tal.ag.mitten eines andren rau.ms
jene høh.le unter der au.flage als ob

unber.ůhr.t & g.rad jet.zt in mus.ikke
ge.set.zt die MELA.ncholie der unge
bohrnen zeit [ritard.]
mitm schw.eigen ba.lanciert

Es ist leicht nachvollziehbar, daß ich Susanne Eules im Anschluß einlade, bei der FM-Edition dabei zu sein. Nun steht das Gedicht in Matrix 28 mit Aufzeichnung · Besprechung · Bild · Es­say · Gedicht · Gespräch · Notiz (usw.) von Ilse Aichinger · Hans Bender · Crauss · Michael Donhauser · Ul­rike Draesner · Elke Erb · Johannes CS Frank · Bodo Hell · Gerhard Jaschke · Axel Kutsch · Michael Lentz · José F. A. Oliver · Marion Poschmann · Marlene Streeruwitz · Anja Utler · A. J. Weigoni und 61 weiteren Autoren und Künstlern, deren Werk in einer wie auch immer gearte­ten Beziehung zu dem Friederike May­röckers zu sehen ist, in einer lebendigen Sammlung von Text und Bild, deren Mittelpunkt ein gutes Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker bildet.

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Drachen über der Leninallee

Mit Brigitte Struzyks Roman Drachen über der Leninallee erscheint erstmals ein um-
fassendes Prosa­buch im FIXPOETRY.
Verlag. Schon der Auftakt führt bildhaft vor Augen, welche zwischen Zwie­spalt und Zwei-
schneidig-
keit hin- und her-
gewendete, typisch deutsche Geschichte auf diesen 286 Seiten erzählt wird:
„In der Herrgottsfrühe von Berlin spielt dort an der Nahtstelle, wo etwas aufhört und doch nichts Rechtes beginnt, die Geigerin”: Ich träumte von bunten Blumen …, Schuberts Winterreise.
Durch an­schaulich-detailliert beschriebenen (naturgemäß fadenscheinigen, löchrigen) Stoff mehr oder we­niger farbenfroher Gewebe blicke ich fortgesetzt auf geschichtlichen Grund, ich spüre schnell, hier geht es um Menschen, die es wissen wollen, und ich will es, von Seite zu Seite mehr, auch wissen:

„Ihr Arm liegt im Windkanal der Klimaanlage. Die eine, dem Fenster nahe, Hälfte ihres Körpers ist kalt, die andere schwitzt. Und hinter der zwittrigen Scheibe, die sich nicht öffnen lässt, dämmert der Tag: hohe Tannen, grünes Gras, Brandschutzgräben neben den Gleisen, frisch geschichtetes Holz, ein schäumender Wald­bach, gemähte Wiesen mit Huflattichrändern, flammende Goldruten am Bahndamm, rote Felsen, tiefe Wagenspu­ren voller Wasser – endlich zieht die Lok wieder, und das bremsende Ziehen, die Langsamstrecke des Grenzver­kehrs, schiebt sich auf die Oberfläche der Erinnerung. Spurensicherung? Passkontrolle? Wie oft waren sie doch diese Strecke gefahren, bis sie, die Staatsfeindin Ulla Wasser, nicht mehr mitdurfte ins NSA (nichtsozialistische Ausland).”

Später heißt es:
„Erinnerung ist Neusehen der Vergangenheit, das aus einem gegenwärtigen Interesse stammt.”

Diese Art Nachsinnen, sofern nicht ohnehin vorhanden, wird unmittelbar auf mich, den erkenntnisinteressierten Leser, übertragen und trägt mich zum fröhlichen Ende am Brandenbur­ger Tor, das mit dem Verspre­chen zweier Frauen endet: Nächstes Jahr in Jerusalem!

Liste · 15 Einzeltitel

Kerstin Becker, Fasernackte Verse. Gedichte. Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin. 62 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Jan Decker, Der Abdecker. Essay / Gedichte / Prosa. Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin. 65 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Susanne Eules, ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags. Gedichte. Mit Artwork von Korinna Feier­abend. 98 Seiten, Klappenbroschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.

Johannes CS Frank, Remembrances of Copper Cream · Erinnerungen an Kupfercreme · זכרונות של נחוש וקצפת. Lyrik und Prosa. Ins Deutsche übertragen von Florian Voß und Ron Winkler, ins Hebräische übertragen von Judi Hetzroni und Merav Salomon. Bebildert von Felix Scheinberger. 148 Seiten, Hardcover. FIXPOETRY.Verlag, Ham­burg 2012.

Herbert Hindringer ∙ Judith Sombray, Nähekurs. Gedichte. 48 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Christine Hoba & Christian Kreis, Dummer August und Kolumbine. Zeichnungen von Felix Scheinberger, Nachwort von André Schinkel. 59 Seiten, Klappenbroschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.

Julia Mantel, dreh mich nicht um. Gedichte. Bilder von Petrus Akkordeon, Vorworte von Kurt Drawert und Jörg Sundermeier. 47 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Kai Pohl ∙ Clemens Schittko, da kapo mit CS-Gas. Gedichte. 59 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Brigitte Struzyk, alles offen. Gedichte. Mit einem Vorwort von Peter Wawerzinek und Bildern von Elke Ehninger. 117 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Brigitte Struzyk, Drachen über der Leninallee. Roman. 287 Seiten, Klappenbroschur. FIXPOETRY.Verlag, Ham­burg 2012.

Charlotte Ueckert, Dein Haar ist mein Nest. Gedichte. Vorwort von Peter Engel. 34 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Gerrit Wustmann, Beyoğlu Blues. Gedichte. Deutsch – Türkisch. Ins Türkische übertra­gen von Miray Ath. 33 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Sammelbände

Julietta Fix (Hg.), Brennpunkte. Lyrik aus der Schweiz. Gedichte von Irène Bourqin ∙ Brigitte Fuchs ∙ Svenja Herr­mann ∙ Marianne Rieter ∙ Nathalie Schmid ∙ Elisabeth Wandeler-Deck. Illust­rationen von Judith Sombray, Vorwort von Beat Brechbühl. 68 Seiten, Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Julietta Fix (Hg.), ein Bild von einem Gedicht. Bilder und Gedichte von Michael Arenz ∙ Klara Beten ∙ Jan Decker ∙ Peter Ettl ∙ Sabine Georg ∙ Herbert Hindringer ∙ Magdalena Jagelke ∙ Ulrich Koch ∙ Sünje Lewejohann ∙ Undine Ma­terni ∙ Frank Norten ∙ Silke Peters ∙ Sophie Reyer ∙ Ulrike Almut Sandig ∙ Iris Thürmer ∙ Janin Wölke ∙ Michael Zoch. 116 Seiten, Broschur, Querformat. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Julietta Fix (Hg.), Mehr und weniger. Erste bis letzte Poetryletter 2010. Gedichte von Bernd Boh­meier ∙ Manfred Cho­bot ∙ Ulrike Draes­ner ∙ Hans-Jürgen Heise ∙ Thilo Krause ∙ Christoph Leisten ∙ Sabina Lorenz ∙ Hellmuth Opitz ∙ Francisca Ricinski ∙ André Schinkel ∙ Gerd Sonntag ∙ Christoph Wenzel u. v. a.. 63 Sei­ten, ge­heftete Broschur. FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2010.

Michael Hillen, Frau Röntgens Hand. Gedichte. Herausgegeben von Helwig Brunner. 102 Seiten, Paperback. edition keiper, Graz 2012.

W. G. Sebald, „Auf ungeheuer dünnem Eis”. Gespräche 1971-2001. Herausgegeben von Tosten Hoffmann. 288 Seiten, Broschur. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012 (2. Auflage).

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